Freitag, 20. November 2009

SWR Bestenliste Dezember

Wow, auf der künftigen SWR-Bestenliste Dezember 2009 findet sich ein Gedichtband, erschienen in einem kleinen Verlag! Wie kommt das??? Haben die Jurymitglieder Bücher gelesen?
Naja, jedenfalls ist Sperrfrist bis 27. November, also darf ich nix verraten. Jedenfalls fällt diese Meldung unter das Label "Kuriosa"

Unterirdisch und grottenschlecht

Gestern fanden in Stuttgart große Demonstrationen zu den vorgesehenen Kürzungen im städtischen Kulturhaushalt statt. Impressionen von der ART-PARADE samt dem "Stuttgarter Appell" als PDF findet sich auf der Verdi-Homepage.

Eine furiose Rede hielt der bisherhige Landesvorsitzende des VS Baden-Württemberg, Jürgen Lodemann. Hier der Wortlaut mit freundlicher Genehmigung des Autors:


UNTERIRDISCH UND GROTTENSCHLECHT

Liebe Stuttgarter! Wenn ein Fußballspieler einen sehr schlechten Tag hat und miserabel spielt, dann hört man von Fans und Reportern, der spiele „unterirdisch“. Ich bin sicher, Stuttgarter Bürger wissen inzwischen genau, was es heißt, unterirdisch zu spielen. Denn die Häupter dieser Stadt sind drauf und dran, sich in unabsehbare Schulden hinabzustürzen, nur um ihren gut funktionierenden, ihren sehr ansehnlichen Hauptbahnhof in zehn Jahre langer Wühlarbeit zu verbuddeln – ihn ins Unterirdische zu vergraben. Diese Versenkung eines wunderbaren und soliden Hauptbahnhofs kostet inzwischen mehr als vier Milliarden Euro. Und wozu das Ganze? Bahnfahrer aus Paris, die rasch mal nach München oder Wien wollen, die werden in zehn Jahren München oder Wien um wenige Minuten schneller erreichen. Und werden von der Stadt Stuttgart nichts mehr zu sehen kriegen, nur noch Blicke ins Unterirdische. Ins Grottenschlechte. Werden dann durch Stuttgarts Tiefe nur noch hindurchrauschen. Dabei ist bekannt, wie wichtig ein Innehalten ist, Augenblicke der Besinnung, so lang halt im Sackbahnhof der Lokführer das andere Ende des Zuges besteigt. Das könnten Fahrgäste glatt auf die Idee bringen, auszusteigen. In zehn Jahren aber werden die von Stuttgart nur noch unterirdisches Schwarz sehen. Und dann sind Stuttgarts Kultur-Attraktionen sowieso gekürzt. Wir Schriftsteller bekamen jetzt die Nachricht – pünktlich zu Schillers 250stem – dass im Land der Dichter und Denker, wo Schiller und Hegel die Regel sein sollen, dass dort die Hauptstadt die Zuschüsse für Literatur um 40 Prozent streichen müsse, das erzwinge die Haushaltslage. Zwar kriegt man für das, was da gestrichen wird, im künftigen unterirdischen Bahnhof nicht mal eine einzige Weiche, denn 40 Prozent für die Literatur tun zwar weh, sind aber für die 4 Milliarden-Heldentat grade mal Null Komma Null Eins Promille. Stuttgarts Stadtväter glauben offenbar, sie könnten ihre Defizit-Abgründe zuschütten mit den Wundertütchen Literatur oder Musik.– Liebe Stuttgarter, wir sind Zeuge einer einzigartigen schwäbischen Schildbürger-Blamage. Ja wenn es nur komisch wäre. Gekürzt wird auch im sozialen Bereich, z.B. in der Jugend-Arbeit – Gewalt an Schulen? – war da was? Früher wurde mal in schwäbisch hausväterlich geordneten Verhältnissen demjenigen, der seinen Kindern die Zukunft verbaute, der irre Schulden hinterließ oder Projekte, die unterirdisch sind und grottenschlecht, denen wurde das Sorgerecht entzogen. Leute, es wird Zeit, Stuttgarts Oberhäuptern das Sorgerecht zu entziehen! Und diesen Milliarden-Verplemperern nur noch kleine Aufgaben zu lassen, sie z.B. mal zählen zu lassen bis zu einer Milliarde, jede Sekunde eine Zahl – damit Ahnungen von dem aufkommen, was sie da anrichten – pro Sekunde eine Zahl, Tag und Nacht zählen, bis eine erste Milliarde erreicht ist – das dauert 30 Jahre. Liebe Zuhörer, ein einst paradiesischer Stutengarten schrumpft. Verkommt zum BitterFilderWeg. Verantwortliche jonglieren mit gepumpten 4 Milliarden – global beflügelt durch die Computer-Technik – gewissenlos, vielleicht auch nur ahnungslos – selbst die Kanzlerin gibt inzwischen zu, einen Ausweg sehe auch sie nicht mehr, will ein Wachstumsbeschleunigungsgesetz – in Stuttgart jedoch ist das Unterirdische und Grottenschlechte mit Händen zu greifen, mitten in der Stadt, als unendliches Grab – Leute, unterbrechen wir die Tradition, wonach sich Stadt- wie Landesväter um die Zukunft den Teufel scheren, wonach sie das, was nicht finanzierbar ist, künftigen Generationen aufhalsen – die Jüngeren haben ihn schon jetzt auf dem Rücken, den Zukunftsballast, Jüngere gehören bereits zu denen, die das ausbaden dürfen, den jahrelangen Luxus auf Pump. Zur Bildungsmisere nun auch noch Kultur-Abriss. Die berühmte Bonität von Stuttgart schwindet – und man müsste nun sagen: Herren Schuster und Mappus, übernehmen Sie – müsste man sagen, hätten die sich nicht längst selbst übernommen. Letzte Chance für die da oben: Der Schwachsinn 21 entfällt!

Grimmelshausen-Förderpreis für Claudia Gabler

Gestern erhielt Claudia Gabler in Renchen den Grimmelshausen-Förderpreis. Herzlichen Glückwunsch, liebe Claudia, Glückwunsch auch zum Landesstipendium!
Die "Badische Zeitung" schrieb über Claudias Gedichtband "Die kleinen Raubtiere unter ihrem Pelz":
"Dabei handelt es sich um eine Sammlung von Texten, die zunächst wie alltägliche, beiläufig notierte Beobachtungen wirken. Es sind Beschreibungen flüchtiger Bilder, wie sie kurze Gedanken erzeugen und die sogleich von der nächsten Assoziation verdrängt oder durchkreuzt werden. Oder anders gesagt: Manchmal wirken die Texte, als blättere man in einem Livestyle-Magazin und lasse modische Lebensentwürfe an sich vorbei rauschen. Jede Hochglanzseite ergibt einen flüchtigen Eindruck vom schönen Schein und am Ende bleibt doch das flaue Gefühl, dass all das nicht trägt."
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Donnerstag, 19. November 2009

Gedicht des Tages - Jochen Kelter

Kürzlich, nach der Lesung Jochen Kelters in Konstanz, regte ich mich über den Kollegen ebenso auf wie über seinen jüngsten Gedichtband. Einige Leser, darunter Axel Kutsch, wiesen mich auf Kelters Qualitäten und auch Verdienste hin. Zumal wir heute engagierte Autoren brauchen könnten, wie Jochen Kelter es war. Etwa als stellvertretender Bundesvorsitzender des VS oder Präsident des European Writers' Congress. Und Kelter hat phantastische Gedichte geschrieben. Den Band "Verweilen in der Welt" (Klöpfer & Meyer 2007) lobte Angelika Overath in der Neuen Zürcher Zeitung. Ihr gefiel der bescheidene, prosanahe Ton, ich schätze an dem Band den ruhigen, lakonischen Blick auf die eigene Vergänglichkeit.


Solitude

In meiner Einsamkeit
war alles inbegriffen
mein Alleinsein
meine Zweisamkeit
du, meine Frau
meine Kinder, meine
italienische Familie

Mein tägliches Tun
und mein nächtliches Sein
wir, die einen Tag lang
kämpfen oder Jahre
du, die in den Spiegel
zurücktritt, wären wir je
zusammen gewesen

Mittwoch, 18. November 2009

Der eigene Tellerrand

In Stuttgart drohen bekanntermaßen gehörige Kürzungen im Kulturetat. Die Literatur in der Hauptstadt des Ländles der Dichter und Denker ist mit 40% betroffen, andere Sparten kommen etwas glimpflicher davon. Nichtsdestoweniger sollte man meinen, dass sich alle betroffenen Künste, alle Organisationen zusammenschließen, um geballt zu demonstrieren. Nichts dergleichen. Da gibt es die Art-Parade (ich habe darauf hingewiesen) und eine Demo, organisiert von Ver.di. Beide demonstrieren quasi in Sichtweite. Was lese ich nun in einer Rundmail an die VS-Mitglieder in BaWü: "Wir haben als ver.di mit den Organisatoren der ART-Parade gesprochen und sie gebeten doch die Demonstration mit uns zusammenzulegen. Dies haben sie abgelehnt, da ihnen Gewerkschaften nicht geheuer sind." Tut mir leid, das ist Dummheit. So kommen wir nicht weiter. Außerdem: Wie würde unser Land aussehen, wenn es keine Gewerkschaften gäbe???

Wo Autoren wirklich Grund zu jammern haben - in der Türkei

Heute lese ich bei Perlentaucher folgendes:

"Von Turgut Özal, dem ehemaligen Premierminister und späteren Präsident der Türkei, ist der Kommentar überliefert, Prosa sei "sinnlos und unnötig"; der jetzige Premierminister Recep Tayyip Erdogan erklärte in einem Interview, dass er selbst zwar keine Zeit zum Lesen fände, jedoch seine Berater für sich lesen ließe. In einer Untersuchung der UNO, die die Verbreitung regelmäßiger Lesegewohnheit untersuchte, landete die Türkei als eines von 173 Ländern nur auf Platz 86. Bei einer Umfrage, welche Konsumgegenstände lebensnotwendig seien, wurde das Buch auf die 235. Stelle verwiesen - im Durchschnitt werden im Jahr pro Kopf 45 Cent für Bücher ausgegeben. In der Türkei kann kaum ein veröffentlichender Autor sein Leben mit der Schriftstellerei bestreiten, und nur eine Handvoll türkischer Verlage lebt von der Herausgabe literarischer Werke. Landesweit existieren nur 1.500 öffentliche Bibliotheken, die insgesamt 900.000 Mitglieder haben und nur acht Prozent derer, die eine Bibliothek aufsuchen, gehen dorthin, um tatsächlich zu lesen. Leider ist nicht erfasst, was die restlichen 92 Prozent in die Bibliotheken treibt. Während in Deutschland die durchschnittliche tägliche Pro-Kopf-Lesezeit 24 Minuten beträgt, kommt man in der Türkei auf 12 Sekunden."

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"Versnetze_zwei" in Leipzig und Würselen

Noch bis zum 25. November dauert das unter dem Titel "textenet" stattfindende Leipziger Literaturfestival 2009. Zu den zahlreichen Veranstaltungen gehört am 24. November neben der Vorstellung der von Jan Kuhlbrodt und Jürgen Brocan edierten Poetenladen-Anthologie "Umkreisungen" mit Gedichten und begleitenden Kommentaren der Autoren auch eine virtuelle Lesung mit Gedichten aus der Anthologie "Versnetze_zwei -Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart", die Axel Kutsch im Verlag Ralf Liebe herausgegeben hat. Fünf Lyrikerinnen und Lyriker aus mehreren Regionen Deutschlands werden dabei im Film und live Gedichte aus diesem Sammelband vortragen. Moderator der Veranstaltung, die ab 21.30 Uhr in der Leipziger Werkstatt für Kunstprojekte stattfindet, ist der Literaturwissenschaftler und Herausgeber der Online-Lyrikzeitung Michael Gratz. Außerdem wird "Versnetze_zwei" am 11. Dezember 2009, 20 Uhr, im Rahmen der von Christoph Leisten organisierten "Tage der Poesie" im Würselener Kulturzentrum Altes Rathaus, Kaiserstraße 36, vorgestellt. Eigene Texte und weitere Gedichte aus der Anthologie werden Axel Kutsch, Christoph Leisten, Jürgen Nendza, Amir Shaheen und Gerrit Wustmann vortragen.

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