Donnerstag, 6. November 2008

Christian Kracht

Seine Lesung im Karlsruher Literaturhaus war grauenvoll. Der Mann kann nicht lesen, er wirkt wie ein Pseudo-Dandy und kommuniziert mit seinem Publikum überhaupt nicht. Sein neuer Roman, aus dem er las, gefällt mir jedoch ausgesprochen gut. Weshalb ich ihn auch rezensiert habe. Die Rezension ist heute im Badischen Tagblatt zu lesen. Und natürlich auf meiner Website. Und natürlich bei www.literaturwelt.de. Und natürlich hier:

Einst wurde sein Roman „Faserland“ als Popliteratur par excellence gefeiert und gescholten. Christian Krachts neues Opus „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ hat dagegen so gar nichts mit Pop zu tun. Auf den ersten Blick jedenfalls. Kracht korrigiert nämlich die Geschichte und erzählt eine negative Utopie, einen Albtraum.
Es herrschen nahezu einhundert Jahre Krieg, zwei Lager stehen sich gegenüber: Die schweizerische Sowjetrepublik, die offenbar die Größe Russlands hat und mit Afrika verbündet ist und das faschistische Deutschland, das mit England einen Bund eingegangen ist. Große Teile Sibiriens sind unbewohnbar geworden, da sie viral verseucht sind. Kracht erzählt aus dem Leben eines Parteikommissärs, um "das Ringen der Schweizer Sowjetmenschen für eine gerechte Welt, frei von Rassenhass." Der namenlose Parteifunktionär schwarzafrikanischer Herkunft macht sich auf den Weg, um Brazhinsky zu verfolgen, einen vermeintlichen oder echten Konterrevolutionär. Dieser hat Unterschlupf gefunden im Reduit, der gewaltigen Alpenfestung – die Drei- und Viertausender des Berner Oberlandes sind durchlöchert, verkabelt, betoniert, mit Stahlkonstruktionen und unendlich vielen Soldatenunterkünften versehen.
Was anfangs noch als etwas surreale Geschichtskorrektur erscheint, wird zunehmend irreal, fast konfus, denn Brazhinsky lehrt den Erzähler durch eine Art Gedankenübertragung zu kommunizieren, was Dank einer Droge möglich ist. Krachts neuer Roman wird zunehmend zum ironischen Spiel mit hinreißend komischen Szenen, etwa jener, in welcher ein Blutegel, der sich im Nasenloch eines Soldaten verirrt hat, mittels eines Schweizer Offiziersmessers beseitigt wird. Die Alpenfestung, die ganze wirkungslose Kriegsmaschinerie kann gelesen werden als Parodie der schweizerischen Liebe zum Militärischen. Krachts Figuren wirken poppig wie Comic-Helden, so aberwitzig spritzt gelegentlich das Blut. Die Alpenfestung wiederum erinnert von Ferne an Fritz Langs Filmklassiker „Metropolis“. Die fein ziselierte, lakonische Sprache Krachts kippt hin- und wieder zu schönstem Alpin-Kitsch, etwa dort, wo man die afro-schweizerischen Rekruten auf ihre neue eidgenössische Heimat mit Hilfe des Kilimandscharo-Schnees vorbereitet: „bald würden wir es mit unseren eigenen Händen berühren dürfen, das grosse kalte Weiss.“
Am Ende flieht der Erzähler aus der ewigen Kälte der Berge, dem Getöse des Krieges und den merkwürdigen Drogen, denen die Soldaten ausgeliefert sind, in den sonnigen Süden und freut sich des Lebens. Ohne Zweifel ist „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ ein irritierendes Buch. Doch Kracht schafft es sprachlich souverän, ein fiktives und durchgeknalltes Geschichtspanorama zu entwerfen.

Christian Kracht: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. Roman, Kiepenheuer und Witsch, 150 Seiten, 16,95 Euro, ISBN 978-3-462-04041-8

Keine Kommentare: