Dienstag, 25. November 2008

Gedicht des Tages - Eva Christina Zeller


Es war am Sommeranfang 2007 als ich mit Eva Christina Zeller im Stuttgarter Schriftstellerhaus las. Nach der Veranstaltung fuhr ich mit dem IC nach Hause. Vor mir saß ein glattrasierter Bub mit Krawatte, der auf seinen Bildschirm starrte - ein Sonnenuntergang, während draußen der schönste Sommeranfangssonnenuntergang zu sehen war, den die Schwaben zu bieten hatten. Mit Eva unternahm ich bei der leider nicht gut besuchten Lesung ein kleines Experiment: Wir lasen abwechselnd. Ohne uns vorher abzusprechen, sollten beide jeweils auf das Gedicht des anderen antworten. Mit Reinhard Kiefer hatte ich dieses kleine Experiment schon einmal mit großem Erfolg in Aachen unternommen, und auch bei Eva war es spannend, welches Stichwort sie aufgriff, um es poetisch fortzusetzen.
Ich weiß nicht, ob sich Walle Sayer auf dieses Experiment einläßt, wenn Eva mit ihm am 9.12. im Karlsruher Literaturhaus lesen wird (20 Uhr, Link zur Literarischen Gesellschaft). Spannend wär's. Eva Christina Zeller, geschätzte Vorstandskollegin im VS Baden-Württemberg, hat mir ein neues, unveröffentlichtes Gedicht überlassen. Eva lebt übrigens in Tübingen:



christophorus - vision

schon im 14 jh. ging er durchs wasser
auf diesem bild
ein kind auf den schultern

am neckar dort unten
geht er durchs wasser
und die böschung?
wie kommt er wieder hinauf?
die stufen beim klärwerk
das ist noch weit

seit vielen tagen geht er
mit diesem leuchtenden mantel
dem stock leicht gebogen so hält er die spannung
und das kind das wir alle noch tragen in uns
reitet weithin auf seinen schultern

ich seh wie er lächelt unter dem kleinen gewicht
das so groß wie sein mantel im wasser so schwer
und so rot

während er trägt und stochert
und die autos B27 brausen dahin

Keine Kommentare: