Sonntag, 16. November 2008

Gedicht des Tages in drei Versionen

Gestern war ich mit meiner Frau Sonne tanken auf der Hornisgrinde. Mir fiel dabei eines meiner Gedichte ein, das in drei unterschiedlichen Versionen veröffentlicht ist.

Version 1, erschienen in dem bibliophilen Gedichtband "Belebte Plätze" (de Scriptum 1999):

Im Herbst, bei Föhn oder Inversion,
fährt er auf die höchsten Gipfel
des Schwarzwalds oder der Alb
und zeigt anderen die Gipfel der Alpen.
Zauberformeln diese Namen;
im Osten Zugspitze, Säntis,
Schesaplana, Churfirsten, Tödi.
Im Süden Wetter- und Schreckhorn,
die Fiescherhörner, Eiger, Mönch, Jungfrau,
Balmhorn, Altels, Diablerets.
Und dieser Halbschuh dort rechts
der Montblanc;
stellen Sie sich vor,
dort ist Italien!
Über Basel steigt
zum Greifen fern
ein Flugzeug auf.


Christoph Buchwald und Raoul Schrott strichen mir für's "Jahrbuch der Lyrik 2000" das Gedicht gründlich zusammen. Ich widersprach nicht, schließlich wollte ich ins Jahrbuch.

Version 2 (Jahrbuch der Lyrik 2000):


Im Herbst, bei Föhn oder Inversion,
fährt er auf die höchsten Gipfel
des Schwarzwalds oder der Alb
und zeigt anderen die Gipfel der Alpen.
Zauberformeln diese Namen;
im Osten Zugspitze, Säntis,
Schesaplana, Churfirsten, Tödi.
Im Süden Wetter- und Schreckhorn,
die Fiescherhörner, Eiger, Mönch, Jungfrau,
Balmhorn, Altels, Diablerets.
Und dieser Halbschuh dort rechts
der Montblanc;
stellen Sie sich vor,
dort ist Italien!


Für die endgültige Version, die in meinem Gedichtband "Farben wie Münzen" (Rimbaud 2003) erschienen ist, war mir das dann doch zu wenig, wenn ich auch eingesehen habe, dass in der ersten Version eine Zeile zu viel ist.

Letzte Version (Farben wie Münzen 2003):


Im Herbst, bei Föhn oder Inversion,
fährt er auf die höchsten Gipfel
des Schwarzwalds oder der Alb
und zeigt anderen die Gipfel der Alpen.
Zauberformeln diese Namen;
im Osten Zugspitze, Säntis,
Schesaplana, Churfirsten, Tödi.
Im Süden Wetter- und Schreckhorn,
die Fiescherhörner, Eiger, Mönch, Jungfrau,
Balmhorn, Altels, Diablerets.
Und dieser Halbschuh dort rechts
der Montblanc;
stellen Sie sich vor,
dort ist Italien!
Über Basel steigt
ein Flugzeug auf.



Was ich nicht vergessen werde, wie Jan Knopf (hier geht es zu Wikipedia) dieses Gedicht in einem Lyrik-Hauptseminar mit seinen Studenten interpretierte. Eineinhalb Stunden lernte ich etwas über meine Gedichte, speziell über dieses. Über das Verhältnis vom Menschen zur Natur, über die Italien-Sehnsucht der Deutschen, über die Wahrnehmung der Alpen im Laufe der Geschichte, über Beschwörungs- und Zauberformeln in der deutschen Lyrik uvm.

Keine Kommentare: