Montag, 24. November 2008

Gedicht des Tages - Tina Stroheker


Am vergangenen Samstag war Mitgliederversammlung des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) BaWü in Stuttgart. Es waren keine Wahlen, und trotzdem waren 62 Mitglieder gekommen. Imre Török sagte, das glaube ihm keiner, wenn er das bei den anderen Landesverbänden oder im Bundesvorstand erzähle.
Nun, ich bin ja ein leidenschaftlicher Verfechter der Forderung nach Solidarität gerade unter Lyrikern. Darüber habe ich mit Tina Stroheker auf dem Bahnhof diskutiert, als sie auf ihren Zug nach Göppingen und ich auf meinen nach Karlsruhe wartete. "Wer meine Bücher kauft, kauft auch Deine Bücher", sagte ich. Nur zusammen können wir die Aufmerksamkeit von vielen Lesern erreichen - Einzelgänger haben (das ist meine Erfahrung) nur selten etwas erreicht. Einen prominenten Lyriker kenne und schätze ich, aber persönlich ist er ein Arschloch. Weshalb ich ihn nie zu einer Lesung oder zu sonst etwas einladen würde.
Das Gegenteil gilt für die zurückhaltende und liebenswürdige Tina Stroheker, die ich eigentlich auch irgendwie schon immer kenne und immer wieder treffe. Habe ich schon einmal mit ihr zusammen gelesen? Keine Ahnung - 20 Jahre im "Geschäft" ist nicht wenig. Jedenfalls hat mir Tina sofort zwei Gedichte gemailt, eines davon unveröffentlicht. Ich will nicht vergessen, auf ihren Gedichtband "Was vor Augen liegt" hinzuweisen, eine Sammlung alter und neuer Gedichte, das zweite untenstehende Gedicht entstammt diesem Band. Wie beim Verlag Klöpfer & Meier üblich, ist es ein sehr schönes Buch geworden, und zwar in jeder Hinsicht. Überhaupt schätze Klöpfer & Meyer sehr, wenn ich nur an die Gedichtbände von Walle Sayer oder Christine Langer denke. Nun aber die beiden Gedichte von Tina Stroheker:


Dach

über dies Dach
laufen Vögel und Katzen
dies Dach verbirgt
nichts und niemand
sitzt gern auf den Stühlen
darunter alles Kaputte
bringt man seit jeher
unter dies Dach




Schatten

Schatten und wie lange hat er gewartet
bevor du ihm endlich zunickst
und das Gefuchtel läßt?
Schatten der immer da ist auch wenn niemand ihn sieht
Sternen und Mond vergleichbar am Tag
etwas das anwesend ist und treu
nachts oder an Regentagen und
es kostet Kraft ihn zu leugnen
besser du sprichst offen zum
Schatten dem Herzallerliebsten des Lichtes
komm schon her, tanzen wir Wange an Wange
eng und heiß ein Tanz Wange an Wange
Schatten ist überall auf schwarz-weißen Bildern
auch dort wo es weiß aussieht
laß dich nicht täuschen
frage den Maler nach seinen Mischungsgesetzen
und er wird sagen
du mußt weg von all den schwarz-weißen Vorstellungen
von body und soul ganz gewiß
vielleicht staunst du dann auch nicht mehr so
über die Dunkelheit die dir plötzlich aufgehen kann
wie ein Licht über die Dunkelheit die als
Schatten treu also dauernd dabei war
wo ein Mensch geleuchtet hat
sich über die Augen legt
und es wird kühl und ruhig und gut und
das Grab ist auch ein Bett das die ganze Wahrheit erzählt
und also gib die Empörung auf und
das Gekränktsein weil einer gegangen ist
ohne dir nochmals die Hand geschüttelt zu haben
einfach so voll tollkühnen Glaubens an seinen
Schatten seinen herzallerliebsten
Tod


aus: Was vor Augen liegt. Tübingen 2008

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