Mittwoch, 12. November 2008

Gedicht des Tages

Es ist zwanzig Jahre her. An der Heidelberger Uni bot ein junger Dozent namens Stefan Buck ein Hauptseminar über Rolf Dieter Brinkmann an. Ich fragte, ob ich auch einen Proseminarschein machen könne. Klar, sagte er, wohl ahnend, dass bei ihm keine 200 Studenten sitzen würden wie beim Schiller-Hauptseminar. Von den sieben Teilnehmern war ich der einzige, der mehr als nur Brinkmanns Namen kannte, ich erinnere mich aber an eine wahre Schönheit mit tiefschwarzen Haaren. Brinkmann gehörte fortan zu den Dichtern, die mich begleiten, faszinieren und irritieren.
Theo Breuer hat mir nun ein Gedicht geschickt, zu dem er folgendes schreibt:
Das Gedicht erschien "im Sommer in der auf 16 Exemplare limitierten Kunstschachtel Wortlos (Edition YE, Sistig/Eifel 2008) und (wird) Anfang des Jahres in meinem kommenden kleinen Lyrikband in der Silver Horse Edition (Marklkofen) stehen. Es wird mein erster Band mit Anmerkungen zu jedem einzelnen Gedicht. Bei brinkmann, blick heißt es: "brinkmann, blick (poème trouvé)" besteht ausschließlich aus Wörtern, die ich vorfand in Rolf Dieter Brinkmanns Roman Keiner weiß mehr, den ich 2007 mit großem Gewinn wiedergelesen habe".

brinkmann, blick
(poème trouvé)


das fenster des treppenhauses
das letzte (das oberste
eines schmalen schachts

im haus gegenüber)
in dem ich manchmal
licht brennen sehe

das ein eisernes treppengeländer
aus einem schwärzlichgrauen
dunkel heraushebt

ein karges bild
ohne andere bedeutung als
so von dir gesehen zu werden


Auch Theo ist immer wieder fasziniert von Brinkmann. Überhaupt Theo: Wenn ich ihn nicht hätte, wieviele Lyrikerinnen und Lyriker wären mir entgangen? Ich erinnere mich an unzählige lange Telefonate mit ihm und endlose Anregungen. Man soll ja mit Superlativen vorsichtig sein, aber ich nenne Theo Breuer gerne den "Lyrik-Papst". Vermutlich hat niemand in seinem Leben so viele Gedichte gelesen und vor allem über so viele Dichter und Gedichte geschrieben. Lest Theos Aufsätze, lest Theos große, kenntnisreiche Monografien "Aus dem Hinterland" und "Kiesel und Kastanie"!
Website Theo Breuer

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