Dienstag, 18. November 2008

Gedicht des Tages


Bei meinem ehemaligen Verlag gab es eine Gepflogenheit, die mir als Netzwerker sehr entgegen kam. Der Verleger pflegte, seine Autoren einige Male pro Jahr in Aachen zu versammeln, damit sie sich austauschen können. Im Oktober 2007 stieg ich also in Köln in den völlig versifften Regionalzug nach Aachen und setzte mich neben eine junge Frau, die a) las und b) hübsch war (oder umgekehrt). Schnell fiel mir auf, dass ich die Gedichte kenne, die sie las. Es waren Texte von Christoph Leisten, von Swantje Lichtenstein und von mir, die Leserin war Claudia Gabler, deren Gedichtband Die kleinen Raubtiere unter ihrem Pelz vor einigen Tagen erschienen ist. Ich erinnere mich, dass wir schnell auf meine Texte zu sprechen kamen und sie meinte, ich sei der Poetologe unter den Rimbaud-Dichtern. Was ich gar nicht nachvollziehen konnte.

Jedenfalls hat sich im Laufe des Jahres ein intensiver Kontakt mit Claudia Gabler ergeben, ich freue mich sehr, dass sie für ihre wunderbaren Gedichte viel Anerkennung bekommt und ich freue mich schon auf das nächste Glas Schweizer Waldhonig, das sie mir aus der Migros in Lörrach oder Basel mitbringt, wenn wir uns wieder treffen. Gelobt habe ich die Gedichte schon (hier klicken!). Ich habe Claudia gebeten, mir doch mal ihr Lieblingsgedicht aus diesem Band zu mailen. Hier ist es:


Es war unser schönes Nachbarland und jener schamlose
Engel, der noch immer büschelweise das Seegras in die Bucht
trieb. Und es war jenes Reiben des Sandes, das noch immer
die Begeisterung vieler Fotografen und Filmstars erregte.


Aushalten läßt es sich nur im Meer oder im Zitronenhain,
sagt mein Manual unter dem Moskitonetz. Das war also
unser Bienenklima, wenn es Sommer war, aber ein Laken ist
auch kein richtiger Bodenschatz. Es juckte uns unter der Haut
und wir gingen runter auf die Straße, nahmen ein Bad im
mediterranen Licht der Strandbeleuchtung. Seeschwalben
flogen uns um die Ohren, kleine Frauen mit neckischen
Blattverzierungen, ein ganzer Flor von Federn,
Wörtern und Knöpfen.


Es lag etwas Leichtes in diesen Stoffen,
aber es war eine Ware mit Zwittercharakter,
ein Hutgesicht, das an unseren
Flammkuchen nagte.

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