Dienstag, 11. November 2008

Karlsruher Literaturforum

Heute in den Badischen Neuesten Nachrichten über das "Karlsruher Literaturforum":

Eine "veritable Schatzkammer" nannte Bürgermeister Jäger die Literarische Gesellschaft, als er den traditionellen Literatursonntag im Rahmen des diesjährigen "Karlsruher Literaturforums" eröffnete. Eine Schatzkammer ist denn auch die Literaturregion Oberrhein - insgesamt acht Autoren von Pforzheim bis Lörrach präsentierten neue Texte. Ein immer wiederkehrender Gast im Prinz-Max-Palais ist Rainer Würth, der mit seinen unkonventionellen Reisereportagen den Lesemarathon eröffnete. Egal, ob Spitzbergen oder Tahiti: Würths Blick ist nie der eines sehnsüchtigen Reisenden, sondern der eines Touristen im 21. Jahrhundert, Papete beispielsweise ist für Würth die in "die Südsee gebeamte, schwülstige Version von Biarritz." Auch Karlheinz Kluge aus Offenburg ist ein gern gesehener Gast. Er glänzte mit zwei Erzählungen. Eine davon berichtet, durchaus autobiografisch, vom Tod des Vaters, einem Autohändler, der vom Herzinfarkt getroffen in Ausübung seines Berufs zwischen den Autos dahinsinkt. Kein Wort zu viel verwendet Kluge, und so steht für den Zuhörer der Vater mit seinem Trenchcoat leibhaftig vor Augen. Gerade mal 18 Jahre alt ist Claudia Löffler aus Ubstadt-Weiher, die neue lyrische Texte vortrug - schon vor drei Jahren waren Gedichte von ihr in der Zeitschrift "Allmende" zu lesen – markant ist etwa jene Wendung vom "Eis, das alle toten Früchte in sich einfriert". Eine Neuentdeckung für seinen Geburtsort Karlsruhe ist Stan Lafleur. Der in Köln lebende 40-jährige "Spoken-Word-Veteran" gilt als einer der Wegbereiter der Poetry-Slams, seine Gedichte finden sich inzwischen in Anthologien wie dem "Großen Conrady". Der bekennende KSC-Fan brillierte mit seinen Fußballgedichten. Da ist etwa jenes Porträt von Roy Makaay, "spitze kuppeln seine weiszen knie/ wie sie aus dem ewigen gruen des rasens/ ragten, aus den marschen der niederlande." Etwas kryptischer und weniger virtuos vorgelesen dagegen seine "Rheingedichte."
Den Nachmittag eröffnete eine der meist diskutierten jungen Lyrikerinnen, Claudia Gabler aus Lörrach, Jahrgang 1970. Zwischen surrealer Komik und irritierendem Parlando sind ihre Langzeilen angesiedelt. In den Gedichten der Stipendiatin der Kunststiftung gibt es "Himbeersorbets, die im Garten wuchsen", oder die "Endlosschleife des Fahrstuhls", der "direkt ins Internet" führt. Ganz anders Susanne Franz aus Freiburg, die aus einem Einakter vorlas. Adam und Eva treffen sich nach 100.000 Jahren wieder, Eva sitzt als Putzfrau auf einer Leiter und lackiert sich die Nägel, Adam fragt, ob sie immer noch Äpfel klaue. Durchaus amüsant ist das neue Spiel mit den alten Figuren auch dann noch, wenn herauskommt, dass ein gewisser Gott auf Eva abfährt und Adam Cocktails auf die Bühne bringt. Weniger überzeugend dagegen die junge Chinesin Jun Lin. "Ich küsse dich Honeybaby" ist der Titel der Erzählung, die sie vorstellte, die Geschichte eines Internet-Chats zwischen Weiblein und Männlein. Während sie anfangs die erotischen Momente noch geschickt in die virtuelle Welt des World Wide Webs überträgt, überreizt sie im Verlauf des Textes das Sujet. Als brillanter Satiriker ist Stephan Waldscheidt bekannt geworden. Doch der Autor aus Durmersheim, der den Lesereigen beschloss, scheitert mit seiner in Afghanistan angesiedelten Liebesgeschichte zwischen einem deutschen Soldaten und einer Einheimischen. Waldscheidt marschiert von eine Klischee ins andere. Die Soldaten sind zu cool, "die Frauen waren das Geheimnis im Geheimnis." Zudem wirkt die zu konventionell erzählte Geschichte wenig authentisch. Für die zahlreichen Besucher endete ein erstaunlich breit gefächertes Programm mit vielen Höhen und wenig Tiefen. (maske)

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