Montag, 3. November 2008

Lektüre von heute

Gerade lese ich in "Lyrik von Jetzt 2", herausgegeben von Björn Kuhligk und Jan Wagner (Hier gehts zu wikipedia) und (hier zum Poetenladen). Ich frage mich, weshalb der "jungen Generation" der Lyriker so viel Platz eingeräumt wird. Sicher, es ist eine tolle Anthologie, aber wo bleibt die mittlere Generation? Walle Sayer beklagte sich bei mir zu Recht, dass sein letzter Band vergleichsweise wenig wahrgenommen wurde, einen Preis könnte er m.E. auch mal wieder vertragen, zumal er zwei Kinder hat. Aber als Autor, zumal als Lyriker zwischen 40 und - sagen wir - 60 zu sein, ist nicht einfach. Auch Andreas Altmann, der nun wirklich eine sehr eigene Stimme hat, taucht in diesen Anthologien nicht mehr auf. Schließlich ist man nicht schon ein Klassiker, nur weil man im "Großen Conrady" vertreten ist. Aber das soll kein Klagelied sein, zumal ich selbst nicht klagen kann, auch wenn ich zu dieser armen, vergessenen mittleren Generation gehöre. Es ist gerade eine Generation her, als man um die literarischen Kids deutlich weniger Gedöns machte - ich war 22 als mein erstes Gedicht im Jahrbuch zu lesen war. Sonderlich interessiert hat das damals keinen. Was wollte ich eigentlich? Mir Notizen zu der Anthologie machen.
Christoph Wenzels Gedichte gehören zu den stärksten des Bandes. Der "Doppelmond" - kein Doppelmord - diese lyrische Nachtfahrt im Mondlicht mit den "...mittelstreifen// Kommata zwischen den Fahrbahnen" spielt souverän mit dem alten Motiv.
Nadja Küchenmeisters (hier gehts zum Poetenladen) Gedichte verfolge ich schon seit geraumer Zeit, etwa in den Jahrbüchern der Lyrik. Für mich ist sie eine der talentiertesten jungen Autorinnen. Wunderbar ihre lyrische Bestandsaufnahme ("Archiv"). Auch Glaudia Gabler gehört für mich zu den neuen lyrischen Begabungen, auch wenn sie fast schon zu den Gruftis unter den lyrischen Kids zählt (sie ist Jahrgang 1970). Das rätselhafte Parlando ihrer Gedichte hat mich schon bei unserer ersten Begegnung fasziniert und zugegebenermaßen irritiert. (Claudia Gabler beim Poetenladen)
Und dann ist da noch Sabina Naef. Als ich die Gedichte der Schweizer Autorin zum ersten Mal las, war ich regelrecht erleichtert, dass es noch Lyriker gibt, deren Gedichte den meinen "ähneln". Kurze, lakonische Skizzen, kaum länger als ein Dutzend Wörter, voller poetischem Mehrwert! Ich gebe zu, zwei der vier Naef-Gedichte in dieser Anthologie hätte ich gerne selbst geschrieben. Wer weiß, vielleicht geht es ihr mit dem einen oder anderen Kehle-Gedicht ähnlich? Nun, ich hoffe, ich werde die lakonische Kollegin im nächsten Jahr kennenlernen. Bei den Baden-Württembergischen Literaturtagen in Konstanz, wo - aller Voraussicht nach - eine lange Nacht der jungen Lyrik stattfinden wird.

Kommentare:

Fabian Tietz hat gesagt…

Lieber Herr Kehle,

bei der Einschätzung des Lyrikkinderkrams als sentimentalem Mist und Müll würde ich Ihnen zu einem Großteil zustimmen. Doch warum springen Sie auf solch einen lamentierenden Zug auf und beklagen die zu sehr beachteten Buchstaben der jungen Generation? Wenn Sie dem Markt gerecht werden wollen, dann schreiben sie marktgerecht.
Gutes Schreiben führt nunmal nicht automatisch zu Preisen oder zumindest Würdigung.
Der Dichter/Schreiber ruht allein in sich; Beurteilungen sollten ihm fern bleiben!
Daher finde ich ein Beklagen ungerechter Zustände für völlig unzureichend, solange unsere Lebenswelt keine Besserung zulässt.

Nichtsdestotrotz (Ich liebe dieses Kofferwort) lese ich Ihren Blog sehr gerne!

Schöne Grüße aus Berlin
Fabian Tietz

FladimirNabokov hat gesagt…

Preise werden als nach der Anzahl der Kinder vergeben.


Vielen Dank für die Information

Ihr

Joe Malstisch