Mittwoch, 26. November 2008

Vergessene Dichter - Peter Lober (1)

Am 30. November 1994 klingelte morgens um halb 8 das Telefon. Harald Hurst rief mich an, Lober sei tot. 51 Jahre alt war er geworden, ein Herzinfarkt brachte ihn um, direkt vor dem Karlsruher Arbeitsamt. Gelebt hat er für drei, hinterlassen hat er wenig, vor allem Schulden. Literarisch geblieben sind drei schmale Gedichtbände und ein Nachlass, den mir inzwischen sein Sohn René in Kopie überlassen hat und für den ich geduldig, aber bislang vergeblich, einen Verleger suche. Wer will schon einen fast vergessenen Dichter publizieren? Bemerkenswert am Nachlass sind übrigens weniger die Gedichte als vielmehr die Erzählungen.
Kennengelernt habe ich Lober, mit dem ich zeitlebens "per Sie" war ("Matthias, ich muss mich mit so vielen Arschlöchern im Kulturbetrieb duzen, wir bleiben beim freundschaftlichen Sie"), als der Fotograf, Dramaturg, Kritiker, Taxiunternehmer, Büchersammler, Klassik-Liebhaber mich 1988 für das "Karlsruher Lesebuch" fotografierte, damals, 21-jährig, war das eine meiner ersten Veröffentlichungen. Lober hat viele, viele Schriftsteller für die Lesebuchreihe des Karlsruher G. Braun Verlags fotografiert, sämtlich in Schwarz-weiß. Für das Freiburger, das Heidelberger oder das Bodensee-Lesebuch. Fortan saß ich oft im Hinterhaus der Körnerstraße 30. An einer Wand hing ein uraltes Fahrrad, daneben und darüber riesige Bücherregale. Stolz zeigte er mir etwa die Erstausgaben von Paul Celan. Lober brachte mir viel über Gedichte bei. Wir hörten nebenbei lautstark Mozart oder "A Night at the Opera", Lober rauchte sagenhaft viel und hustete entsprechend. 1992 fotografierte er mich für den Titel meines ersten Buches "Elfmeterschießen". Gegen Ende seines Lebens - inzwischen hielt er sich als erbarmungsloser und gefürchteter Kritiker für die Badischen Neuesten Nachrichten über Wasser - telefonierten wir vor allem. Lober war frisch verliebt, ich ebenso. Aus einer Klinik nahe Frankfurt schrieb er mir einige Briefe; Lober war dort, um einen Entzug zu machen. Er war von Schmerzmitteln abhängig, seine Migräne zwang ihn gelegentlich in den Keller zu gehen zum Schreien.
Schon bei unserer ersten Begegnung, beim Fotografieren auf dem Balkon meiner Eltern, sagte Lober, er könne froh sein, würde er die 50 schaffen.


Ciao
für Simonette und Martin

Diesmal ist der Abschied
nicht traurig, denn die Zeit,
die mir bleibt ist vorbei.

Mit den alten Steinen und
dem schrägen Turm habe ich
letzte Grüße getauscht.

Jeder Abend erzählte
nur mir seine Geschichte
während die Sonne starb

Am Tisch hinter der Lampe saß
ich beruhigt im Licht,
zu reden bleibt wenig. Ciao.


(Aus: Zunehmend schwarz. Verlag Thomas Reche, Reihe Refugium 17, 1993)

1 Kommentar:

Günter Knappe hat gesagt…

Schön, dass an Peter Lober erinnert wird. Ein wichtiger Geist in dieser Stadt. Ich kannte ihn aus Begegnungen im Sandkorn-Theater. Er ist früh gegangen - und doch hat er bis heute Spuren hinterlassen.