Dienstag, 23. Dezember 2008

Frohe Weihnachten

Liebe Leser, ich wünsche Euch (die Ihr viel zahlreicher seid, als ich beim Beginn des Bloggens erwartet habe) schöne Weihnachten! Vielleicht mit ein wenig Sonne - ich selbst saß heute am Nordrand des Sees im Karlsruher Stadtgarten (viele Grüße an Stan Lafleur), ließ mich blenden und schaute den Enten zu, heute Nachmittag radelte ich nach Ettlingen und flanierte über den Weihnachtsmarkt. Wäre heute nach diesen schier endlosen grauen Tagen nicht die Sonne herausgekommen, man hätte mich in die Klappse bringen können. Und weil alle Welt heute shoppen war, ein Gedicht zu diesem Thema aus meinem Band Drahtamseln:



Rolltreppe Karstadt

im tiefgeschoß gart
ein fernsehkoch gemüse
für lange schlangen

eine lampe ragt aus
einer tasche ein rufer
bittet zur kasse

draußen an der luft
ists dunkel was
leuchtet ist licht



Na, das passt doch zu Weihnachten, odr?

Nachtrag 24.12.: Zu "Rolltreppe Karstadt" gibt es einen lesenswerten Kommentar eines Satire-Autors. Nachdem das Gedicht in der ZEIT erschienen war, machte er sich in der Literaturzeitschrift "perspektive" über den Text lustig. Ich habe mich königlich amüsiert!

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

D. Holland-Moritz:

"Drahtamseln" nennt MATTHIAS KEHLE seinen Band, lockerer Vogel, der uns mit seinem Gedicht darin einen reduktionistischen Wirklichkeitsausschnitt verklickern möchte, "Drahtamseln" also, obwohl es ja, wie wir wissen, meistens Schwalben und Stare sind, die sich mit Vorliebe auf den Stromleitungen versammeln. Und ob er nun will oder nicht, allein daran könnte man sich schon stundenlang aufhalten: "Turdus merula ferreus" - die stählerne Schwarzdrossel, die Amsel am Draht, als eigenständige Art in der zoologischen Nomenklatur zwar nicht verbürgt, aber es hört sich halt gut an. Und auch, dass sie so ein hervorragender Sänger wohltönender Lieder ist, die man von ihr, die irritiert ist durch die vielen Neonlichter der Metropolen, sogar nachts noch in den Innenstädten hören kann. Könnte es gar im Kalkül des MATTHIAS KEHLE liegen, dass man früher die Dichter auch Sänger nannte, und Sänger fallen einem ein: Karel Gott, das GoldKEHLchen aus Prag, Mireille Matthieu, der Spatz von Avignon, die Regensburger Domspatzen und für diejenigen, der sich in der Schöneberger Kneipenkultur auskennt: die Nachtigall von Ammersdorf. Dass die MATTHIEU dabei KEHLES Vornamen MATTHIAS zum Nachnamen trägt, mag Zufall sein oder auch nicht, aber hängt denn heutzutage nicht alles an einem wie auch immer gearteten Medium, Sänger zu "Drahtamseln", die Welt am Draht...? Aber lassen wir es dabei bewenden, allzumal MATTHIEU KEHLES Minimal-Gedicht mit vollmundigen Gesangsdarbietungen nun wirklich nichts gemein hat. Ich wiederhole noch einmal:

"Rolltreppe Karstadt
im tiefgeschoß gart
ein fernsehkoch gemüse
für lange schlangen"

Lohnt es sich, darüber nachzudenken, was passieren würde, wenn unter den von KEHLE in den Plural gesetzten "langen schlangen", es sind also mehrere, viele der Unterordnung "Ophidia" der Klasse der Kriechtiere, die hier gewissermaßen sternförmig einem Zentrum sich zuschlängeln, dem des im Tiefgeschoß garenden Fernsehkochs, und die, für sich genommen, schon mal keine Vegetarier sind, mithin auch einem Gemüsehäppchen gar nicht zugetan sein können, wenn unter diesen vielen auch nur "eine" Boa Constrictor ist... Also diese Art von Kaufhausgewimmel möcht´ ich gar nicht kennen, da reicht mir die Zooabteilung vom Hermannplatz, da halt´ ich mich stattdessen an die überschaubaren drei, die drei "Kann-man-se-noch-Verse-nennen" unseres Autors, in die hinein er seinen Satz teilt: drei Worte bloß pro Zeile, durchgängig klein geschrieben. Womit dem Gedicht bereits in dieser ersten "Kann-man-se-noch-Strophe-nennen" die Absicht anzumerken ist, dass hier mehr gar nicht getan werden soll, als den Umstand einer Werbeaktion für Karstadt, einen neuen Super-Wok oder ein nobles Edelstahl-Kochgeschirr durch einen prominenten Fernsehkoch abzufeiern. Einen größeren Anspruch kann es bei derart minimierten Aufwänden gar nicht geben. Aber vielleicht ist es ja genau das, worauf er hinaus will, der KEHLE, auch mit der von ihm gepflegten Kleinschreibung, die hat nämlich durchaus ihre Vorteile, die hilft haushalten, wissen Sie. Und während der Autor den Binnenhaushalt seiner Zeilen zurechtstreicht, fällt mir, gerade umgekehrt, ein interpretatorischer Super-GAU ein, auf den ich nicht verzichten möchte: Kaufen Sie diese Edelstahlpfanne, diesen Pelzmantel, diese Blutdiamanten nicht! Verzichten Sie auf ein neues Handy mit Ipod-Funktion! Richten Sie in Ihrer Wohnung kein Terrarium ein! Eine Boa Constrictor wird neun Meter lang. Tun Sie dies im Bewusstsein der Mäßigung, ansonsten sich der Mensch anschicken würde, in Zeiten totaler Globalisierung zum terminalen "Earth Destroyer" zu werden. Super-GAU oder nicht - von Überfülle kann auch in KEHLES zweiter "Nennen-wir-se-noch-einmal-Strophe" nun wirklich nicht die Rede sein:

"eine lampe ragt aus
einer tasche ein rufer
bittet zur kasse"

Tatsächlich registriert man erst jetzt, dass der Reduktionswut des Autors sogar die Interpunktion zum Opfer fällt - in diesen schnörkelosen Zeilen finden sich weder ein Punkt, noch Komma, und der Leser bemerkt, wie sich unwillkürlich schulterzuckende Zustimmung bei ihm einschleicht: Was soll´s, hat sich eben Mr. Nobody eine neue Nachttischlampe geleistet, trägt sie nun hinaus... Allenfalls, dass mit der verkürzten Formulierung "ein rufer bittet zu kasse", die Gentlemen auch, ein gewisser Grad an Humor erreicht wird - das ist eine der Wirkungen, die man durch die Verknappung erreichen kann - der "rufer" selbst aber völlig anonym und ohne Eigenschaften bleibt, trotz des blauen Karstadt-Namensschildchens, das auf seiner muskulösen Pulloverbrust prangt: Wudrow aus der Sportabteilung? Storno gefällig?! Weitere Tilgung? Ich zitiere den Philosophen HANNES BÖHRINGER aus seinem Beitrag "Orgel und Container" von 1993: "Das Nichts ist ein Loch, das immer weiter einreißt. Alles droht, darin zu verschwinden. Darum muss das Loch unbedingt zugeschüttet werden. Doch der aufgeschüttete Haufen rutscht nach und vergrößert das Loch." (Zitatende) Aber die Moderne ist ja sowieso im Eimer, denn (Zitat) "der moderne Nihilismus ist voll von Gegenbewegungen, Anti- und Postmodernismen. Die Moderne ist nichts anderes als die Gegenbewegung zu sich selbst, der Behälter, der zugleich Entleerer ist." Alles im Eimer?? Befinde ich mich also gerade in der ausweglosen Situation, das Loch, das KEHLE hier aufgerissen hat, vom Rand her mit seiner dritten "Nennen-wir-se-noch-einmal-Strophe" wieder zuzuschütten?

"draußen an der luft
ists dunkel was
leuchtet ist licht"

"Ich geh´ noch ein bißchen "in die Stadt"", sagt man, auch wenn man unmittelbar von ihr umgeben ist, Häuser überall, und meint damit, dass man noch einmal "vor die Türe" geht, um, na ja, einen der Treffpunkte im Viertel aufzusuchen, Bierchen trinken, Kumpels treffen... Auch der Autor beendet seine Dekonstruktion des Trivialmythos Kaufhaus mit solcher Hinwendung zur Umgangssprache: Sein "draußen an der luft" ist von gleicher Provenienz - banal, profan, simpel, reduziert auf etwas ohne große Ambition. Und, schließlich, man versteht ja die Krux, der MATTHIAS KEHLE sich hier ausgeliefert hat: Das Einfache ist immer schwer zu handhaben, womöglich das Schwerste überhaupt. Was schwer ist, ist nie leicht. Das Einfache ist immer in Gefahr, nicht ernst genommen zu werden und vom Schweren und Komplexen, von all diesen Ansprüchen erdrückt zu werden. Immerhin, gut beobachtet, Herr KEHLE, dass die Atmosphären von draußen und drinnen im Kaufhaus gänzlich verschiedene sind. Das merkt man spätestens, wenn man das Warmluftgebläse am Ausgang überschreitet. Und diesen gefönten Übergang aus dem abgestandenen Kaufhausmief an die so genannte "frische Luft", den hat man ja auf dem allseits bekannten Foto von Marilyn Monroe schon weidlich ausgenutzt. Wobei ja auch noch strittig ist, ob es nicht doch auf dem Abluftkanal einer U-Bahn entstanden ist. Sei´s drum, dies wortwörtliche Schwellenverhalten der Monroe erscheint mir jedenfalls um einiges handfester als das von KEHLE, denn wir müssen uns fragen, wo er denn hinwill, der Autor, wenn nicht zurück in all das Tumultuarische und den Lärm des Autoverkehrs dort draußen, in diesen hastigen Fußgängerstrom, von dem man sich fragt, wohin er strömt, zurück zwischen all diese Passanten und persönlichen Entwürfe, all diese Muster und Pläne...Drang und Zwang... Und trotz dieser allgemeinen neuen Orientiertheit an den Handys, Klingeltöne überall, auch an Haltestellen: "Hallo, ich steig´ jetzt in den Buhuus", und, na ja sicher, auch Lichter... Die Lichter der Großstadt.
"was leuchtet ist licht", schreibt KEHLE, ja aber... Ist denn das nicht immer so? Woran und was wär´ denn sonst in Lux zu messen? KEHLE nimmt hier billigend in Kauf, dass ihm eine Weisheit mehr in die Binsen geht, während er mit dem minimalen Aufwand eines nachgerade pleonastischen Gleichsetzungsnominativs, "was leuchtet ist licht", weiter "tabula rasa" an Inhalt und Bedeutung des eigenen Gedichtes betreibt. Wobei auch noch dieses letzte Einfachprädikat dazu tendiert, nur so etwas wie eine Energie eines "fast nichts", einen irritierenden Fluss der Atome zuzulassen, "was leuchtet ist licht" - aber da ist noch ein Flackern, mit dem die Frage aufgeworfen wird, ob es gar in KEHLES Absicht liegt, die Gattung selbst in einem letzten Aufbäumen terminal erstrahlen zu lassen, um sie endlich nullen zu können - "tabula rasa" auch an ihr? Nur, was kommt danach? Ich möchte zum Abschluss einige Statements des bereits erwähnten Braunschweiger Philosophen HANNES BÖHRINGER aus seiner Poetik "Auf der Suche nach Einfachheit" aus dem Jahre 2000 zusammenstellen, der sich ausgiebiger mit dem Thema Einfachheit und des Nicht-Besonderen in der Kunst auseinandergesetzt hat:
"Das Ende soll alles zusammenfassen. Aber man trifft nicht den Punkt. So soll wenigstens das Wichtigste wiederholt werden. (...) Kunst ist es, durch Reduktion Komplexität zu gewinnen: Verwandlung von Mangel in Fülle. (Kunst ist zu einer Kunst der Wiederholung geworden, WAS LEUCHTET IST LICHT, und) die Wiederholung ist nichts Besonderes, auf nichts Neues aus. Das Neue entsteht unter der Hand in der unvermeidlichen Variation der Wiederholungen. Keine Fensterscheibe splittert wie eine andere. (Gemeint sind die Fensterscheiben des Ausstellungsraumes im New Yorker Institute for Architecture & Urban Studies, die der Künstler Gordon Matta-Clark 1976 mit dem Gewehr seines Freundes Dennis Oppenheim einfach zerschießt und zum Kunstwerk deklariert. BÖHRINGER schreibt: Er macht ein kleines Loch, einen Punkt, fast nichts. Die Scheiben splittern.) WAS LEUCHTET IST LICHT. (...) Der Witz des Einfachen besteht im Verzicht auf das Geistreiche. Tiefsinn und Scharfsinn sind nicht mehr nötig. Sie finden keinen Platz mehr in irgendeiner Falte. Alles ist transparent. WAS LEUCHTET IST LICHT. Das aber bringt die Einfachheit in Gefahr, zu einfach, zu wenig komplex, einfach langweilig zu sein. Erst die innere Auszehrung der modernen Einfachheit ruft den postmodernen Widerspruch hervor, die Entgegensetzung von Einfachheit und Komplexität. (...) Die Postmoderne ist die überforderte Moderne, das Ergebnis der Selbstüberforderung, immer wieder anzufangen und in jedem Anfang aufzuhören. Sie will weitermachen, anschlussfähig bleiben, sagt Luhmann. Der Witz wird (wieder) geistreich, WAS LEUCHTET IST LICHT, die Konzeptualität akademisch. Diskurse beherrschen die Kunst. Aus dem geschichtsphilosophischen, eschatologischen Begriff des Neuen wird eine Kategorie des Marktes und des Museums. (...) Modern ist die Kunst, die sich von sich selbst verabschiedet. In diesem Abschied wird sie einfach. WAS LEUCHTET IST LICHT. (...) Schwankend steht die Zeit still."

Erstveröffentlichung in perspektive 58 - hefte für zeitgenössische literatur (Graz/Berlin, 2008)