Mittwoch, 10. Dezember 2008

Gedicht des Tages - Stan Lafleur

In und um Köln herum tummelt sich eine rege Lyrikszene, spannender und vor allem vielseitiger als die in Leipzig oder Berlin. Durchaus provozierend formuliere ich, dass sich die Leipziger und Berliner gegenseitig zu sehr inspirieren, zu sehr gleicht sich der Tonfall manches Kollegen, mancher Kollegin. In und um Köln herum: Swantje Lichtenstein, Theo Breuer, Christoph Wenzel, Axel Kutsch, Christoph Leisten oder Stan Lafleur, den ich im Großen Conrady wiederentdeckt habe und der kürzlich eine furiose Lesung in seiner Heimatstadt Karlsruhe hatte. Stan Lafleur ist einer jener Kollegen, bei denen sich jahrelange, konsequente und eigenwillige Arbeit "ausgezahlt" hat. Er erzählte von den Anfängen, als die "Spoken-Word-Dichter" sich die Plätze selbst schaffen mussten, an denen sie auftreten konnten. Seine Generation schuf die Grundlagen für die heute so gern gehörten Slam-Poeten. Heute inszeniert Stan Lafleur seine Fußballgedichte in Literaturhäusern.

Ein bißchen Heimweh nach Karlsruhe, dem Ortsteil Rüppurr, in dem er aufgewachsen ist oder dem Schwarzwald hat Stan schon. Er fragte mich, was aus "Europaplatz-Tscharly" geworden sei, ein Mensch, der vor vielen Jahren dadurch lokale Berühmtheit erlangt hatte, dass er auf einem zentralen Platz der Stadt deklamierend auf- und abging. Niemand weiß heute, wo er geblieben ist. Von Stan Lafleur poste ich heute zwei Rüppurr-Gedichte.



blick in den himmel: rueppurr


grell collagierte nils holgersson-himmel

ueber maszvoller erdrotation. suesze rote

blasen die ruckhaft aus aronstaeben quellen


jesus am waldrand, predigt grimms maerchen

jesus, wie er hier haeufig vorkommt in freier

wildbahn. die lautlosen explosionen des


springkrauts. zwischen den lupinenfeldern

verzieht sich der dunst von pizza clubheim

wo wir als buben beim versteckspiel nur


knapp dem maehdrescher entkamen. als

tiere lugen die wolken ueber die schwarz-

waldkuppen. wie wir beisammen standen


am see mit unserer angst. im gebuesch

na holla, die waldfee. fickdichfickdich, ruft

die grasmuecke. jesus latscht mal weiter




blick in den himmel: rueppurr


als schueler lackierten wir reh-skelette

damit sie zu fahrraedern heranwuechsen

versteckt im gestraeuch. die scheuen


himmel ueberm blattwerk. lebensraum

totholz, beschallt vom gefiepe seltener

voegel. der heimische bannwald, ueber-


regional beruehmt als fototapete fuer

saemtliche lebenssituationen. unsere

vereinsfarben dieselben wie jene der


tanke am dorfhorizont, hinter der wir

unsere verluste besprachen, strack wie

harry, am rande der heiligen autobahn

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