Dienstag, 16. Dezember 2008

Gedicht des Tages - Ulrich Koch

In Karlsruhe gibt es die drei Matthias "K" Matthias Kußmann, Matthias Kühn und Matthias Kehle. Matthias Kußmann ist ein bekannter Literaturwissenschaftler (u.a. Herausgeber des letzten Buches des schwerkranken Walter Helmut Fritz "Offene Augen" und dessen "Liebesgedichte"), Matthias Kühn ist Buchhändler, Werbetexter und Schriftsteller, der leider nicht mehr für die Öffentlichkeit schreibt. Ich erinnere mich, wie ich eines seiner Roman-Manuskripte während einer halben Nacht verschlungen habe. Von 1994 an bis 2005 gaben wir eine kleine literarische Reihe in der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe heraus, die mit ihrem Titel "Reihe Fragmente" auf die gleichnamige Reihe von Rainer Maria Gerhardt anspielt. Die Auflage betrug jeweils 200 Exemplare, der Autor oder die Autorin durfte im Karlsruher Literaturhaus ordentlich honoriert lesen - der Literarischen Gesellschaft und der Stadt Karlsruhe sei Dank. "Neue Literatur vom Oberrhein" wollten wir entdecken, unbekannten Autoren ein erstes Forum bieten. Zu dieser Reihe kam noch die Anthologie "Sondern anderswo" (1997) und ein "Sonderheft Karlsruhe" der Literaturzeitschrift "Wandler" mit neuen Texten Karlsruher Autoren (2000). Ein wenig stolz bin ich schon, wen wir damals alles entdeckt und teilweise zur ersten Publikation verholfen haben. Darunter sind Beate Rygiert, Volker Kaminski, Alexander Häusser, Christina Griebel, Angelika Maisch. Einige damals schon bekannte Namen waren ebenfalls dabei: John von Düffel etwa oder Roland Lang und Wolfgang Rohner-Radegast. Und phantastische Autoren, von denen man nie wieder etwas gehört hat. Der an Dada orientierte Frank Zimmer beispielsweise. Kußmann, Kühn und ich saßen abends zusammen, oft in meiner WG und zerpflückten die eingesandten Texte. Markus Orths beispielsweise hatte damals keine Chance, seine Erzählungen waren einfach noch nicht ausgereift. Heute verschlinge ich seine Bücher und begleite Markus ab und an journalistisch. Im Jahr 2000, als das Sonderheft "Wandler" anstand, war er dann so gut, dass wir eine Geschichte aufnahmen. Ich erinnere mich auch, dass wir die Texte der Autoren drastisch kürzten. In einem Fall stand nur noch ein Satz auf dem Papier, aber daraus ließ sich kein Heft machen.

Was wollte ich eigentlich erzählen? 32 Hefte haben wir veröffentlicht, darunter jedoch nur zwei Hefte mit Gedichten. Vor allem Kußmann war selten zufriedenzustellen (er lektoriert stets meine Gedichte - vor diesen Sitzungen graut es mir jedesmal). Bestand hatten nur die Gedichte von Walle Sayer und Ulrich Koch, der damals bereits zwei nicht sehr beachtete Gedichtbände beim Residenz-Verlag publiziert hat. Was der in Winsen an der Luhe geborene und in Hamburg lebende Autor in einer Reihe mit Schwerpunkt "Oberrhein" zu suchen hatte, ist mir entfallen. Koch gehört zu jenen Autoren, deren Tonfall unverwechselbar knapp und oft an der Prosa orientiert ist. Das Weihnachtsgedicht, das er mir mailte, fand ich nicht besonders gut. Aber drei der sieben unveröffentlichten Gedichte will ich mit herzlichem Dank an den Autor posten.



leichenschmaus


im sportheim. an der garderobe regnen
die mäntel ab: schnaps und asche

der pfarrer, vom kaminfegen zurück
erzählt uns vom abbrand der tage:

die wir nur einwohner sind
uns nach und nach vergraben

im kirchschatten der eichen
stehen kühe auf der weide

mit ihren zerbeulten eutern
voll saurer zukunft


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Rückfahrt


der Abdruck deiner Schläfe
am Fenster des Spätzugs
der sich auflöst
im Himmel
Jahre später fällt Schnee
und eine Wolke tupft
ihr Selbstbildnis
bis auf Höhe
dieses Augenblicks

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Hauch


Sichelleise
Kohlenwinter
Elbeis

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