Freitag, 19. Dezember 2008

Lyrik von jetzt 2 / Neubuch

Heute im "Badischen Tagblatt":

Begabte junge Lyriker haben es heute gut. Ihre Publikationsmöglichkeiten sind enorm, renommierte Preise, die einst ehrwürdigen Großdichtern vorbehalten waren, gehen an den Nachwuchs. Die Szene ist vielstimmig, in schöner Regelmäßigkeit erscheinen Anthologien, mit deren Hilfe man sich einen Überblick verschaffen kann. Gerade sind zwei auf den Markt gekommen, "Neubuch" und "Lyrik von jetzt. Zwei". 25 Stimmen versammelt der eine, 50 der andere Band, die älteste Autorin ist Jahrgang 1970, die jüngste 1985. Wie schnelllebig übrigens die Szene ist, zeigt die Tatsache, dass kürzlich gefeierte Jungautoren wie Silke Scheuermann und Nico Bleutge (beide Jahrgang 1973) schon nicht mehr vertreten sind. Hoch gehandelt werden stattdessen die etwas schlichten Gedichte von Nora Bossong ("Ich hätt mich gern/ in ihn verliebt, so billig war/ in jener Nacht sonst nichts mehr zu erleben") oder andererseits jene vertrackt-verspielten von Ann Cotten. Es fällt bei der Vielzahl der Begabungen schwer, einzelne zu würdigen. Da sind die amüsanten Gegenwartserkundungen von Daniel Ketteler ("Hildegard Knef-Remix"), die eigenwilligen Naturgedichte von Ulrike Almut Sandig ("Nie wissen, wie BARSCHE aussehen, barsche von lachsen nie unterscheiden können") oder das irritierende Parlando der Lörracher Autorin Claudia Gabler ("Die Muster auf unseren Schenkeln waren auf den zweiten Blick nur Umrisse von größeren Tieren"). Die Herausgeber der beiden korrespondierenden Bände sind selbst Lyriker, alle drei deutlich unter 40. "Lyrik von jetzt. Zwei" ist der Nachfolgeband eines vor fünf Jahren bei Dumont erschienenen Projekts, die beiden Herausgeber Jan Wagner und Björn Kuhligk schreiben 2008: "Heute, fünf Jahre danach, ist die Sicht klarer, läßt sich einiges mit Gewissheit sagen", nämlich vor allem, dass ein Großteil der 2003 ausgewählten Autoren auch heute noch präsent ist. Der von Ron Winkler herausgegebene Band "Neubuch" unterscheidet sich deutlich, präsentiert er doch einige Jungdichter, die selbst für Kenner neu sind, auf die Gefahr hin, einigen eher mittleren Begabungen eine Plattform zu bieten. Und was beschäftigt die jungen Lyriker? Natürlich sind es Themen wie Clubs, Musik oder Liebe. Doch es ist wie schon immer: Die Lyrik deckt alle Bereiche des menschlichen Lebens und Sprechens ab. Das sprachfixierte Experiment ebenso wie lakonische Zeitgeistschnipsel ("im fernsehn kopuliert Shakira/ mit einem Stuhl").
"Mediale Gesellschaften", so schreibt Ulrike Draesner im Nachwort, brauchen Biografien (...), sie dienen als Authentizitäts-tags, die den Texten angeheftet werden." Sie zielt auf das Alter der Protagonisten der aktuellen Lyrik-Szene: Wer Vierzig oder älter ist, hat es schwer.
Nach der Lektüre mag mancher ob der Fülle ratlos sein, doch einige der Gedichte mögen haften bleiben. Dazu gehören mag Nadja Küchenmeisters lyrische Bestandsaufnahme, "der griff in die oblatenkiste (...), die strampler, fotos mit gezackten rändern, (...) die wäschestange mit dem Klammerbeutel". Oder aber die äußerst knappen, an ein vertrautes Gegenüber gerichteten lyrischen Notate von Sabina Naef: "leichter Schwindel/ sie schließt die Augen/ wie ein Seemann/ im Platzregen/ im Wetterleuchten/ in einer Rauchpause"
Matthias Kehle

Lyrik von jetzt. Zwei. 50 Stimmen, herausgegeben von Björn Kuhligk und Jan Wagner. Berlin-Verlag, 288 Seiten, 19,90 Euro. ISBN 978-3-8270-0809-1

Neubuch. Neue junge Lyrik. Herausgegeben von Ron Winkler mit einem Nachwort von Ulrike Draesner. Yedermann-Verlag, 240 Seiten, 12,90 Euro. ISBN 978-3-935269-37-7

Keine Kommentare: