Donnerstag, 25. Dezember 2008

Vergessene Dichter - Wolfram Menzel

Frank Milautzcki und Theo Breuer haben kürzlich in der Lyrikzeitung und im Poetenladen an diesen eigenwilligen Dichter aus Karlsruhe erinnert, der gründlich vergessen wurde. Vielleicht hängt es mit seiner beruflichen Laufbahn als Informatiker zusammen, dass er zum Hinterbänkler der modernen Poesie wurde. In einer der letzten Ausgaben der Allmende (Nr. 78) waren wieder Gedichte von ihm zu lesen; vor knapp zwei Jahren, im Februar 2007, war er im Karlsruher Literaturhaus im Prinz-Max-Palais zu hören. Die folgende Kritik schrieb ich damals für die Badischen Neuesten Nachrichten. Nicht zu vergessen, dass kürzlich beim Mitteldeutschen Verlag ein Band mit Gedichten von Wolfam Menzel erschienen ist unter dem Titel nicht oder anders.

Hier jedoch meine Besprechung zur Lesung 2007:

"inch// fächer// mein/ haus spinntauslaub und/ kaum/ eine geige// rätsel". Dies ist eines der Gedichte, die Wolfram Menzel im Prinz-Max-Palais vorstellte. Rätselhaft sind die Texte, und so brachte der Emeritus des Lehrstuhls für Theoretische Informatik der Universität Karlsruhe zwei Interpreten mit, die zu erhellen versuchten, was der 73-Jährige vorlas und an die Wand projizieren ließ. Es seien Gedichte, "die direkt aus dem Hören zu verstehen sind", erklärte der Germanist Benno Schubert. Zusammen mit seinem Kollegen Peter Katzum analysierte er bisweilen leiseste Assonanzen und einzelne Silben oder Menzels Anspielungen und Zitate altgriechischer Lyrik. "Asche" und "Haar", zwei Worte, die in einem der Texte auftauchen, brachten sie etwa in Verbindung zu Homer.
Wolfram Menzel veröffentlichte seine Gedichte früh, beispielsweise 1960 in der Zeitschrift Akzente und in einer Anthologie im Umfeld der Stuttgarter Schule um Max Bense oder Helmut Heißenbüttel, wobei Menzel sich von deren Sprachexperimenten im Gespräch distanzierte. Seine Gedichte seien nicht willkürlich oder zufällig generiert, sondern gleichsam wie die Partitur eines modernen Musikstückes angelegt. Benno Schubert verglich die neueren Texte Menzels mit "atonalen Kurzkompositionen", konkret mit dem Komponisten Anton Webern. Wie problematisch solche stark fragmentarischen Gebilde, die kaum Verben enthalten, für ein Verständnis sind, macht ein Widerspruch in Schuberts Aufforderung zum Verstehen deutlich: Einerseits solle man die Texte meditativ und klanglich auf sich wirken lassen, andererseits fordert er für Menzels Texte einen umfänglichen Anmerkungsapparat.
Ein wenig anachronistisch wirken Menzels Gedichte schon. Nicht nur, weil es jüngeren Generationen meist an der entsprechenden Bildung mangelt, sondern weil die Literaturgeschichte andere Traditionslinien aufgenommen und weiterentwickelt hat - erinnert sei nur an die kategorische Forderung der Siebziger Jahre, "Lyrik für Leser" zu schreiben.
Stundenlang solle man sich mit den einzelnen Gedichten auseinandersetzen, der "Literarische Salon" im Literaturhaus, der sich bewusst gegen eine bildungsferne Eventkultur richtet, bietet Raum für solche Experimente, die inzwischen nicht mehr nur von einem treuen Stammpublikum goutiert werden. maske

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