Sonntag, 21. Dezember 2008

Weihnachtsgedicht des Tages - Frank Milautzcki


Es ist eine Geschichte, die man noch seinen Enkeln und Urenkeln erzählt. Da entrümpelte im Karlsruher Stadtteil Rüppurr, wo keine ganz armen Menschen leben, jemand seinen Keller und stellte kistenweise Bücher auf die Straße zum Altpapier. Und zwar keine gewöhnlichen Bücher, sondern den kompletten Nachlass des Oberspielleiters des Badischen Landestheaters, Felix Baumbach, verstorben hochbetagt im Jahr 1964, inclusive Fotos vom jungen Baumbach und seiner bildhübschen Frau Ilse (s.o.).
Der Zufall wollte es, dass ausgerechnet ich zu diesem Zeitpunkt vorbeikam. Den Frevler fragte ich, ob er eigentlich wisse, was er auf die Strasse stelle. Klar, war die Antwort, nichts wie weg mit dem Müll.
In den nächsten Wochen war ich mit meiner Frau, wann immer wir Zeit hatten, damit beschäftigt, die Bücher von über 40 Jahren Staub zu befreien und uns einige herauszusuchen, die wir behalten wollten. Den Rest versteigerte ich bei Ebay. Auf diese etwas unkonventionelle Weise lernte ich Frank Milautzcki persönlich kennen. Er ersteigerte sich nämlich die seltensten der Funde: Theatermanuskripte und Bändchen längst vergessener Autoren, einige wenige der Funde waren nicht einmal mehr in der Deutschen Bibliothek nachweisbar. Dass ich dabei kein großes Geschäft machen sollte, war erst im Nachhinein klar: Außer Frank fand sich kein Bieter, da kein anderer Ebayer die Autoren kannte.
Die Bücher, die Autoren, die vergessenen Kollegen, hatten ungeheures Glück. Sie fanden im Literaturdetektiven Frank einen leidenschaftlichen Leser, Sammler, Bewahrer und Verleger vergessener Autoren (etwa von Gusto Gräser oder Emil Szittya). Undenkbar, was passiert wäre, wenn ich nicht vorbeigekommen wäre. Streng genommen, hätten die ganz seltenen Bände wohl nach Marbach verfrachtet werden müssen. Aber da nur Frank wusste, welche Schätze das waren, und ich nicht, plagt mich das schlechte Gewissen nicht allzusehr.
Das also ist die Geschichte, wie ich Frank Milautzcki kennenlernte. In der Zwischenzeit habe ich viele seiner Gedichte gelesen (auch im Großen Conrady!), und weiß, dass er ein Dichter mit Leib und Seele ist. Was mal jemand über Walle Sayer schrieb, gilt auch für Frank. Sinngemäß sei er einer, der schreibt, wie andere um ihr Leben rennen.

Ich freue mich, dass Frank mir ein Weihnachtsgedicht gemailt hat. Es ist nach seinen Angaben am 20.12. dieses Jahres entstanden und soll das letzte Weihnachtsgedicht sein, das ich in diesem Jahr poste. Danke für alle Zusendungen! Wie immer kann man nur einen kleinen Teil berücksichtigen.



das heilige ist gar nicht so still



ich kenn die nacht, die niemand will
und stille tänze würzen dort wie salz
das fleisch der zeit mit tränen – ein schwacher beat,
die müdigkeit, ein dunkelblaues gras
und kissen, ich lieg darauf und halte aus
wie alte tiefen sich ausdehnen. was auch geschieht
da bleibt es dunkel und lebt irgendwas

die haut von deinen küssen knallt
wie wasser an das denkenmüssen die patsch
die gischt die platzt sich los und trommelt
auf die steine nieder, die blöd den kopf beschweren
und wider die nun wellen brechen
es gibt den beat, ich soll es wissen,
alles was geschieht ist in den küssen.



Link zu Frank Milautzcki bei Myspace

1 Kommentar:

Der Autor, Herausgeber und Kleinverleger hat gesagt…

Eine Weihnachtsgeschichte, die jeder Reader zum Thema gern aufnehmen würde, präsentiert uns Matthias Kehle im besten Zusammenspiel mitFrank Milautzcki. Ein weiteres lyrischer Kerzenschein in diesen Tagen am Ende des Jahres 2008, mit dem ich mir gern ins Gehirn leuchten lasse.