Freitag, 12. Dezember 2008

Weihnachtsgedicht des Tages - Walle Sayer

Wenn ich meinen lieben Freund Walle Sayer nicht hätte: Er war nämlich der einzige, der mir bislang ein Weihnachtsgedicht schickte, und zwar aus seinem Band "Irrläufer". Es ist m.E. Walles bestes Buch. Dort steht die "Onkelhymne" zu lesen, ein Porträtgedicht, das schöner und widersprüchlicher nicht sein könnte, dort stehen die "Rehe im Strafraum", eines der prägnantesten Bilder der deutschsprachigen Gegenwartslyrik.
Dieser Band wurde dann auch allenthalben gelobt, nicht nur von mir (gespeichert noch bei literaturwelt.de), sondern auch von der Neuen Zürcher Zeitung. Walle Sayers neues Buch "Kerngehäuse" wird am 1. März 2009 in Horb vorgestellt werden. Einstweilen mit freundlicher Genehmigung des Autors und vielen Grüßen an seinen Verleger:


Sydney, Weihnacht 1969

Briefmarkendelphine,
überbringend eine Vorabanmeldung
fürs übernächste Jahr: die Sechzigerfeier,
tannenwipflige Schrift, die fragt,
wer noch alles lebt, die eignen Kinder jetzt
im ehemaligen Überfahrtsalter, selbst
das Weiße zwischen den abfallenden Zeilen
erinnert den Buckel hinterm Friedhof,
Schlittenhang der Kindheit, dort
noch einmal stehn und das Gesicht
sich rötlich färben mit
einer Handvoll Schnee

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