Montag, 1. Dezember 2008

Wie ein Gedicht entsteht (1)

Meine Gedichte entstehen handschriftlich. Im häufigsten Fall setzte ich mich morgens gegen acht Uhr an den Schreibtisch und blättere in meinem Notizbuch, in Wörterbüchern, Gedichtbänden anderer Autoren und notiere mir auf einem Bogen Papier oder im Notizbuch, was mir auffällt, was mir einfällt, was sich zusammenfügt. Im günstigsten Fall entsteht die erste Version eines Gedichtes, im ungünstigsten Falle bleiben ein paar Vokabeln im Notizbuch stehen, die Rohmaterial sind für einen anderen Tag, für ein anderes Gedicht.
Am 31. Mai 2001 notierte ich zunächst einige Vokabeln:

"abschätzig

örtlich betäubt
Spielräume durchmessen
Quartier beziehen

sich aneinander vorbei erinnern"

Dann notierte ich in zwei Spalten folgende erste Versionen:

"Du lutschst
gefrorene Kirschen,
eine örtliche Betäubung
auf dem Balkon
lachst du
drehst die Beine in den Schatten


Eine Art bei Sinnen
zu bleiben, sagst du,
gefrorene Kirschen
lutschen,
die Zunge
örtlich betäubt"


Einen knappen Monat später, am 26. Juni 2001, entstand folgende Version:


"Hundstage

Du sitzt auf dem Balkon,
lutschst gefrorene Kirschen,
örtliche Betäubung, lachst du,
und streckst die Zunge heraus
und drehst die Beine in den Schatten.

Würdest du gerne einmal
im Liegestuhl einschlafen,
nicht bemerken, wie es Nacht wird
und am Morgen durchfroren vom
Wind, und deinem Ventilatortraum aufwachen?"


Noch beim Schreiben habe ich jeweils das "und" in der vierten und in der letzten Zeile gestrichen. Zum ersten Entwurf kam "in einem Rutsch" die zweite Strophe. Abweichungen zur Druckversion bitte ich den Leser selbst zu überprüfen ;-)

Ich mag dieses Gedicht sehr gerne, weshalb ich es immer wieder bei Lesungen auswähle. Es hat nur einen Nachtteil: Das "lutschst" in Zeile 2 ist ein Zungenbrecher!

1 Kommentar:

墨白 hat gesagt…

Und was soll das?
Get a life maybe?
Artifiziell.
Unlesbar.
Überflüssig.
Tut mir leid. Ein Gedicht, das einen nicht aus dem Bett treibt, weil man es im Kopf hat, ist keins.