Mittwoch, 31. Dezember 2008

"En guuder Rutsch"

... sagt man, liebe Leser, auf gut Badisch. Bevor es im neuen Jahr 2009 wieder richtigen, beinharten "Content" gibt, sei allen Lyrikfreunden noch der wunderbare

Deutsche Lyrikkalender 2009. Jeder Tag ein Gedicht

empfohlen, herausgegeben von dem in Belgien lebenden Pakistaner Shafiq Naz.

Wenn ich morgens die Rolläden im Wohnzimmer hochziehe, blättere ich den Kalender um und lese als erstes das Gedicht, das Shafiq Naz für den neuen Tag ausgewählt hat - mal ein Klassiker, mal ein Zeitgenosse, mal ein hermetisches, mal ein heiteres Gedicht. Dann erst gibt es Frühstück, dann erst ist die Tageszeitung dran.

Dienstag, 30. Dezember 2008

Heute in der Stuttgarter Zeitung

"Hier ist ein poetisches Denken am Werk, das sich auf die Gegenwart mit all ihren Brüchen und Projektionen einlässt, voll Vertrauen in die eigenen Mittel: "aber ja, die Vielschichtigkeit wird schon siegen am Ende." - schreibt Nico Bleutge heute über den neuen, ersten Gedichtband von Claudia Gabler in der Stuttgarter Zeitung
Dass er auch noch in der gleichen Ausgabe die Liebesgedichte von Walter Helmut Fritz lobt, freut mich doppelt. Bleutges Fazit: "die Liebe, wie Fritz sie versteht, bleibt keineswegs beim Privaten stehen. Sie erlaubt die Teilhabe an einem umfassenden Eros und lehrt den Schreibenden, die Welt mit ihren Kleinigkeiten kennen und schätzen zu lernen."

Montag, 29. Dezember 2008

Rückblick 2008

Seit zwei Monaten habe ich nun dieses Blog - es ist mir ein großes Vergnügen. Seit über zwanzig Jahren denke ich gelegentlich: "Mensch, eine eigene Literaturzeitschrift wäre nicht schlecht!" Ich habe die Arbeit und das finanzielle Risiko immer gescheut. Nun also das Blog, ein Medium, das ich zudem nur dann nutzen muss, wenn ich Einfälle und Lust habe. Ich würde mich freuen, wenn die Zahl der Besuche (wohlgemerkt Besuche!) im nächsten Jahr noch drastisch zunimmt. Im Dezember waren es bislang etwa 2500. Ich freue mich über Gedichteinsendungen und werde noch viele, viele Kollegen bitten, dieses Blog zu unterstützen, sei es mit Gedichten, sei es mit Essays zur Lyrik, seien es Kritiken, sei es mit Verlinkungen etc. Ab und an werde ich freilich auch "Werbung" für den Kehle machen. Aus diesem Grund ist das Blog nämlich ursprünglich angelegt worden, es hat sich jedoch recht schnell verselbständigt.

Die Entdeckungen des Jahres für mich waren Claudia Gabler, Sabina Naef, Karin Fellner und Stan Lafleur. Dass ich Stan so spät (wieder-) entdeckt habe, ist dem "Großen Conrady" zu verdanken, in dem wir beide vertreten sind - für mich wichtiger als jedes Stipendium, jeder Literaturpreis. Spät entdeckt habe ich auch den Yedermann-Verlag. Dank Karin Fellner, dank des etwas durchwachsenen "Neubuchs" von Ron Winkler, dank Adrian Kasnitz, dank Stefan Heuer (der übrigens im "Ortbruch" wohnt). Ich würde den Verlag sehr gerne sehr loben, aber dann heißt's: "Der Kehle rührt Honig, er braucht einen neuen Verlag." Wohin die Reise meiner neuen Gedichte geht, weiß ich jedoch noch lange nicht. Vor 2011 werde ich ohnehin kein ausreichend umfängliches Manuskript fertig haben.

Und was erwartet den Leser in den nächsten Wochen? Ein Interview mit Walter Helmut Fritz, das ich 1994 führte, unveröffentlichte Gedichte von Jan Wagner, Christine Langer und Karin Fellner, ein Versuch, meine Gedichte zu parodieren und die Geschichte, weshalb mich Emma Lews Gedichtband "Nesselgesang" sehr viel Zeit und Nerven kostete.

Samstag, 27. Dezember 2008

Gedicht des Tages - Andreas Altmann

Seit vielen Jahren gehören die Gedichte von Andreas Altmann (hier geht es zum Poetenladen) zu meinen Favoriten, seine Stimme ist unverwechselbar. Das in diesem Jahr erschienene Lyrikheft "Gemälde mit Fischreiher" mit zehn neuen Gedichten ist auch optisch und haptisch einer der schönsten neuen Lyrikbände des Jahres. Einen "jüngeren Bruder" hat Altmann m.E., nämlich Nico Bleutge. Beide erkunden Landschaften fotografisch detailgenau. Während Bleutge jedoch - um im Bild zu bleiben - digitale Aufnahmen anfertigt, beherrscht Altmann zusätzlich "Photo-Shop", nimmt seiner Lyrik die Sprödigkeit und gibt ihr Tiefenschärfe.
Wenn ich mich mit Dichtern unterhalte, die nicht hochdeutsch sprechen, wundere und freue ich mich immer über ihren Dialekt, der so gar keinen Einfluss auf ihr Schreiben zu haben scheint. Andreas Altmann spricht ein herrliches Sächsisch, und vermutlich geht es ihm mit meinem badischen (nicht schwäbischen!) Dialekt ähnlich.
Andreas hat mir das folgende unveröffentlichte Gedicht für mein Blog überlassen, wofür ich ihm herzlich danke.



IM GROSSEN RAUM mit den angelehnten särgen
drehten sich vierarmige ventilatoren. nur einer
bewegte sich nicht. vor dem haus hatten sie
der straße die teerschicht abgenommen. darunter
führte ein schienenstrang durch die wand.
die absperrungen waren in das gelände gewachsen.
unter der last junger bäume bogen sich die dach
rinnen auf. und sprengten die wurzeln. in den licht
balken, die durch die öffnungen im stein drangen,
war die luft zu sehen. sie vibrierte leise in den augen.
es hörte sich an, als kratzten fingernägel an der inneren
seite des holzes. dann wieder, war es ganz still.
ich musste nur lange genug die augen offen halten.

Freitag, 26. Dezember 2008

Lyrik und Sex

In Perlentaucher habe ich einen lesenswerten Aufsatz von Felix Philipp Ingold gefunden zum Thema "Sex in der Gegenwartslyrik". Völlig anachronistische Texte schreiben die Dichter dieser Zeit angeblich, die drei (vor allem vom Herausgeber) hochgejubelten Erotik-Ausgaben der Zeitschrift "Das Gedicht" enthalten nach Ingold erotische Dichtung, die "mehrheitlich auch vor dreißig, vierzig Jahren (hätte) geschrieben worden sein können". Pornografie beispielsweise, etwa im "virtuellen Raum möglicher Welten" komme gar nicht vor, die Liebeslyrik eines Walter Helmut Fritz nennt er "konsensfähig sublimierte Hocherotik."

Mehr hier (ich bitte um reichlich Kommentare!):

Ratlos: Deutsche Lyrik in der sexuellen Kampfzone

Donnerstag, 25. Dezember 2008

Vergessene Dichter - Wolfram Menzel

Frank Milautzcki und Theo Breuer haben kürzlich in der Lyrikzeitung und im Poetenladen an diesen eigenwilligen Dichter aus Karlsruhe erinnert, der gründlich vergessen wurde. Vielleicht hängt es mit seiner beruflichen Laufbahn als Informatiker zusammen, dass er zum Hinterbänkler der modernen Poesie wurde. In einer der letzten Ausgaben der Allmende (Nr. 78) waren wieder Gedichte von ihm zu lesen; vor knapp zwei Jahren, im Februar 2007, war er im Karlsruher Literaturhaus im Prinz-Max-Palais zu hören. Die folgende Kritik schrieb ich damals für die Badischen Neuesten Nachrichten. Nicht zu vergessen, dass kürzlich beim Mitteldeutschen Verlag ein Band mit Gedichten von Wolfam Menzel erschienen ist unter dem Titel nicht oder anders.

Hier jedoch meine Besprechung zur Lesung 2007:

"inch// fächer// mein/ haus spinntauslaub und/ kaum/ eine geige// rätsel". Dies ist eines der Gedichte, die Wolfram Menzel im Prinz-Max-Palais vorstellte. Rätselhaft sind die Texte, und so brachte der Emeritus des Lehrstuhls für Theoretische Informatik der Universität Karlsruhe zwei Interpreten mit, die zu erhellen versuchten, was der 73-Jährige vorlas und an die Wand projizieren ließ. Es seien Gedichte, "die direkt aus dem Hören zu verstehen sind", erklärte der Germanist Benno Schubert. Zusammen mit seinem Kollegen Peter Katzum analysierte er bisweilen leiseste Assonanzen und einzelne Silben oder Menzels Anspielungen und Zitate altgriechischer Lyrik. "Asche" und "Haar", zwei Worte, die in einem der Texte auftauchen, brachten sie etwa in Verbindung zu Homer.
Wolfram Menzel veröffentlichte seine Gedichte früh, beispielsweise 1960 in der Zeitschrift Akzente und in einer Anthologie im Umfeld der Stuttgarter Schule um Max Bense oder Helmut Heißenbüttel, wobei Menzel sich von deren Sprachexperimenten im Gespräch distanzierte. Seine Gedichte seien nicht willkürlich oder zufällig generiert, sondern gleichsam wie die Partitur eines modernen Musikstückes angelegt. Benno Schubert verglich die neueren Texte Menzels mit "atonalen Kurzkompositionen", konkret mit dem Komponisten Anton Webern. Wie problematisch solche stark fragmentarischen Gebilde, die kaum Verben enthalten, für ein Verständnis sind, macht ein Widerspruch in Schuberts Aufforderung zum Verstehen deutlich: Einerseits solle man die Texte meditativ und klanglich auf sich wirken lassen, andererseits fordert er für Menzels Texte einen umfänglichen Anmerkungsapparat.
Ein wenig anachronistisch wirken Menzels Gedichte schon. Nicht nur, weil es jüngeren Generationen meist an der entsprechenden Bildung mangelt, sondern weil die Literaturgeschichte andere Traditionslinien aufgenommen und weiterentwickelt hat - erinnert sei nur an die kategorische Forderung der Siebziger Jahre, "Lyrik für Leser" zu schreiben.
Stundenlang solle man sich mit den einzelnen Gedichten auseinandersetzen, der "Literarische Salon" im Literaturhaus, der sich bewusst gegen eine bildungsferne Eventkultur richtet, bietet Raum für solche Experimente, die inzwischen nicht mehr nur von einem treuen Stammpublikum goutiert werden. maske

Mittwoch, 24. Dezember 2008

Lyrikstationen 2008

Ein Fazit von Theo Breuer im Poetenladen. Unbedingt lesen (nicht nur, weil Theo mein Blog geadelt und sich als täglicher Leser geoutet hat):

Theo Breuers Lyrikstationen 2008

Nochmals: Frohes Fest!

Dienstag, 23. Dezember 2008

Frohe Weihnachten

Liebe Leser, ich wünsche Euch (die Ihr viel zahlreicher seid, als ich beim Beginn des Bloggens erwartet habe) schöne Weihnachten! Vielleicht mit ein wenig Sonne - ich selbst saß heute am Nordrand des Sees im Karlsruher Stadtgarten (viele Grüße an Stan Lafleur), ließ mich blenden und schaute den Enten zu, heute Nachmittag radelte ich nach Ettlingen und flanierte über den Weihnachtsmarkt. Wäre heute nach diesen schier endlosen grauen Tagen nicht die Sonne herausgekommen, man hätte mich in die Klappse bringen können. Und weil alle Welt heute shoppen war, ein Gedicht zu diesem Thema aus meinem Band Drahtamseln:



Rolltreppe Karstadt

im tiefgeschoß gart
ein fernsehkoch gemüse
für lange schlangen

eine lampe ragt aus
einer tasche ein rufer
bittet zur kasse

draußen an der luft
ists dunkel was
leuchtet ist licht



Na, das passt doch zu Weihnachten, odr?

Nachtrag 24.12.: Zu "Rolltreppe Karstadt" gibt es einen lesenswerten Kommentar eines Satire-Autors. Nachdem das Gedicht in der ZEIT erschienen war, machte er sich in der Literaturzeitschrift "perspektive" über den Text lustig. Ich habe mich königlich amüsiert!

Sonntag, 21. Dezember 2008

Weihnachtsgedicht des Tages - Frank Milautzcki


Es ist eine Geschichte, die man noch seinen Enkeln und Urenkeln erzählt. Da entrümpelte im Karlsruher Stadtteil Rüppurr, wo keine ganz armen Menschen leben, jemand seinen Keller und stellte kistenweise Bücher auf die Straße zum Altpapier. Und zwar keine gewöhnlichen Bücher, sondern den kompletten Nachlass des Oberspielleiters des Badischen Landestheaters, Felix Baumbach, verstorben hochbetagt im Jahr 1964, inclusive Fotos vom jungen Baumbach und seiner bildhübschen Frau Ilse (s.o.).
Der Zufall wollte es, dass ausgerechnet ich zu diesem Zeitpunkt vorbeikam. Den Frevler fragte ich, ob er eigentlich wisse, was er auf die Strasse stelle. Klar, war die Antwort, nichts wie weg mit dem Müll.
In den nächsten Wochen war ich mit meiner Frau, wann immer wir Zeit hatten, damit beschäftigt, die Bücher von über 40 Jahren Staub zu befreien und uns einige herauszusuchen, die wir behalten wollten. Den Rest versteigerte ich bei Ebay. Auf diese etwas unkonventionelle Weise lernte ich Frank Milautzcki persönlich kennen. Er ersteigerte sich nämlich die seltensten der Funde: Theatermanuskripte und Bändchen längst vergessener Autoren, einige wenige der Funde waren nicht einmal mehr in der Deutschen Bibliothek nachweisbar. Dass ich dabei kein großes Geschäft machen sollte, war erst im Nachhinein klar: Außer Frank fand sich kein Bieter, da kein anderer Ebayer die Autoren kannte.
Die Bücher, die Autoren, die vergessenen Kollegen, hatten ungeheures Glück. Sie fanden im Literaturdetektiven Frank einen leidenschaftlichen Leser, Sammler, Bewahrer und Verleger vergessener Autoren (etwa von Gusto Gräser oder Emil Szittya). Undenkbar, was passiert wäre, wenn ich nicht vorbeigekommen wäre. Streng genommen, hätten die ganz seltenen Bände wohl nach Marbach verfrachtet werden müssen. Aber da nur Frank wusste, welche Schätze das waren, und ich nicht, plagt mich das schlechte Gewissen nicht allzusehr.
Das also ist die Geschichte, wie ich Frank Milautzcki kennenlernte. In der Zwischenzeit habe ich viele seiner Gedichte gelesen (auch im Großen Conrady!), und weiß, dass er ein Dichter mit Leib und Seele ist. Was mal jemand über Walle Sayer schrieb, gilt auch für Frank. Sinngemäß sei er einer, der schreibt, wie andere um ihr Leben rennen.

Ich freue mich, dass Frank mir ein Weihnachtsgedicht gemailt hat. Es ist nach seinen Angaben am 20.12. dieses Jahres entstanden und soll das letzte Weihnachtsgedicht sein, das ich in diesem Jahr poste. Danke für alle Zusendungen! Wie immer kann man nur einen kleinen Teil berücksichtigen.



das heilige ist gar nicht so still



ich kenn die nacht, die niemand will
und stille tänze würzen dort wie salz
das fleisch der zeit mit tränen – ein schwacher beat,
die müdigkeit, ein dunkelblaues gras
und kissen, ich lieg darauf und halte aus
wie alte tiefen sich ausdehnen. was auch geschieht
da bleibt es dunkel und lebt irgendwas

die haut von deinen küssen knallt
wie wasser an das denkenmüssen die patsch
die gischt die platzt sich los und trommelt
auf die steine nieder, die blöd den kopf beschweren
und wider die nun wellen brechen
es gibt den beat, ich soll es wissen,
alles was geschieht ist in den küssen.



Link zu Frank Milautzcki bei Myspace

Samstag, 20. Dezember 2008

Walter Helmut Fritz - Liebesgedichte


Gestern (19. Dezember 2008) in den Badischen Neuesten Nachrichten:

„Über Gedichte ist schwer reden“, zitierte Walter Helmut Fritz einmal Max Kommerell. Noch schwieriger ist es jedoch, Liebesgedichte zu schreiben, auch wenn die Liebe „das bestimmende Leitmotiv der Poesie, ihr unermüdlicher Generator“ ist, wie Michael Krüger nun im Vorwort zu dem Band „Herzschlag“ schreibt, der die Liebesgedichte des großen Karlsruher Dichters Walter Helmut Fritz versammelt. Immer wieder sind Fritz von seinen Anfängen Ende der 50er-Jahre an vollendete, warmherzige und zugleich verhaltene Zeilen gelungen wie diese:
„Weil du die Tage/ zu Schiffen machst,/ die ihre Richtung kennen.// ... Weil ein Jahr/ die Form deines Gesichts annimmt.// Weil ich durch dich verstehe,/ daß es Anwesenheit gibt,// liebe ich dich."

Dass die Liebe keine Himmelsmacht ist, sondern „erzeugt, erfahren und gehütet werden muß“, auch darauf weist der Vorredner Krüger hin. Die Liebe, von der Fritz spricht, ist eine Liebe, die eingehalten wird, eine Liebe, in der sich zwei Menschen um Gemeinsamkeit bemühen müssen. Dennoch: „Dein Mund innen -/ Geflüster, Schauer, Jahre,/ die darin eingefleischt sind." Die Abgründe und Bedrohungen sind implizit und stets anwesend: „Ein Fest, dich wiederzusehen/ und nachher ein Teil zu werden/ der Dunkelheit, wahrzunehmen,/ welche Lektion sie uns gibt."

Walter Helmut Fritz, geboren 1929 und inzwischen schwer krank, konnte die Zusammenstellung des Bandes nicht selbst besorgen. Wie schon bei seinem im eigentlichen Wortsinn letzten Gedichtband „Offene Augen“ hat die Sammlung der ebenfalls aus Karlsruhe stammende Literaturwissenschaftler Matthias Kußmann herausgegeben. Etwa hundert Gedichte und Gedichtzyklen hat er ausgewählt, die auch eines dokumentieren: Fritz hat von 1958 an bis 2007 seinen Tonfall bewahrt, unabhängig von jeder literarischen Mode, weitab jeder Art von Kitsch, mit dem man Liebesgedichte mitunter in Verbindung bringt. Ausgehend von kleinen Beobachtungen („...seh ich dir zu,/ ehe du Rock und Bluse wegwirfst“) thematisiert er beispielsweise das alte Motiv der Begierde. Doch der Titel des Textes verrät gerade hier die Kehrseite: „Auch vom Begehren wissen wir nichts.“

Fritz' Herausgeber wies einmal in einem Aufsatz darauf hin, dass dessen Denken dem „mittelmeerischen Denken" von Albert Camus verwandt sei: „In dessen von Mittag, Licht, Meer und mediterranen Landschaften geprägten (...) Texten wird (...) die Absurdität einer immer schon zeitlichen Existenz ausgehalten." Vielleicht sind Walter Helmut Fritz gerade deshalb vielfach subtile Bilder von ergreifender Schönheit gelungen, die ihn in der Beharrlichkeit seines eigenen Tonfalls zu einem der originellsten Liebesdichter der Nachkriegszeit gemacht haben. Matthias Kehle

Walter Helmut Fritz: Herzschlag. Die Liebesgedichte. Hoffmann und Campe, 120 Seiten, 17,95 Euro. Herausgegeben von Matthias Kußmann und mit einem Vorwort von Michael Krüger

(Foto von Walter Helmut Fritz mit freundlicher Genehmigung von Eveline Jonker)

Links:
Wikipedia Walter Helmut Fritz
Wikipedia Max Kommerell
Allmende online über Matthias Kußmann
Fritz bei Hoffmann und Campe

Freitag, 19. Dezember 2008

Lyrik von jetzt 2 / Neubuch

Heute im "Badischen Tagblatt":

Begabte junge Lyriker haben es heute gut. Ihre Publikationsmöglichkeiten sind enorm, renommierte Preise, die einst ehrwürdigen Großdichtern vorbehalten waren, gehen an den Nachwuchs. Die Szene ist vielstimmig, in schöner Regelmäßigkeit erscheinen Anthologien, mit deren Hilfe man sich einen Überblick verschaffen kann. Gerade sind zwei auf den Markt gekommen, "Neubuch" und "Lyrik von jetzt. Zwei". 25 Stimmen versammelt der eine, 50 der andere Band, die älteste Autorin ist Jahrgang 1970, die jüngste 1985. Wie schnelllebig übrigens die Szene ist, zeigt die Tatsache, dass kürzlich gefeierte Jungautoren wie Silke Scheuermann und Nico Bleutge (beide Jahrgang 1973) schon nicht mehr vertreten sind. Hoch gehandelt werden stattdessen die etwas schlichten Gedichte von Nora Bossong ("Ich hätt mich gern/ in ihn verliebt, so billig war/ in jener Nacht sonst nichts mehr zu erleben") oder andererseits jene vertrackt-verspielten von Ann Cotten. Es fällt bei der Vielzahl der Begabungen schwer, einzelne zu würdigen. Da sind die amüsanten Gegenwartserkundungen von Daniel Ketteler ("Hildegard Knef-Remix"), die eigenwilligen Naturgedichte von Ulrike Almut Sandig ("Nie wissen, wie BARSCHE aussehen, barsche von lachsen nie unterscheiden können") oder das irritierende Parlando der Lörracher Autorin Claudia Gabler ("Die Muster auf unseren Schenkeln waren auf den zweiten Blick nur Umrisse von größeren Tieren"). Die Herausgeber der beiden korrespondierenden Bände sind selbst Lyriker, alle drei deutlich unter 40. "Lyrik von jetzt. Zwei" ist der Nachfolgeband eines vor fünf Jahren bei Dumont erschienenen Projekts, die beiden Herausgeber Jan Wagner und Björn Kuhligk schreiben 2008: "Heute, fünf Jahre danach, ist die Sicht klarer, läßt sich einiges mit Gewissheit sagen", nämlich vor allem, dass ein Großteil der 2003 ausgewählten Autoren auch heute noch präsent ist. Der von Ron Winkler herausgegebene Band "Neubuch" unterscheidet sich deutlich, präsentiert er doch einige Jungdichter, die selbst für Kenner neu sind, auf die Gefahr hin, einigen eher mittleren Begabungen eine Plattform zu bieten. Und was beschäftigt die jungen Lyriker? Natürlich sind es Themen wie Clubs, Musik oder Liebe. Doch es ist wie schon immer: Die Lyrik deckt alle Bereiche des menschlichen Lebens und Sprechens ab. Das sprachfixierte Experiment ebenso wie lakonische Zeitgeistschnipsel ("im fernsehn kopuliert Shakira/ mit einem Stuhl").
"Mediale Gesellschaften", so schreibt Ulrike Draesner im Nachwort, brauchen Biografien (...), sie dienen als Authentizitäts-tags, die den Texten angeheftet werden." Sie zielt auf das Alter der Protagonisten der aktuellen Lyrik-Szene: Wer Vierzig oder älter ist, hat es schwer.
Nach der Lektüre mag mancher ob der Fülle ratlos sein, doch einige der Gedichte mögen haften bleiben. Dazu gehören mag Nadja Küchenmeisters lyrische Bestandsaufnahme, "der griff in die oblatenkiste (...), die strampler, fotos mit gezackten rändern, (...) die wäschestange mit dem Klammerbeutel". Oder aber die äußerst knappen, an ein vertrautes Gegenüber gerichteten lyrischen Notate von Sabina Naef: "leichter Schwindel/ sie schließt die Augen/ wie ein Seemann/ im Platzregen/ im Wetterleuchten/ in einer Rauchpause"
Matthias Kehle

Lyrik von jetzt. Zwei. 50 Stimmen, herausgegeben von Björn Kuhligk und Jan Wagner. Berlin-Verlag, 288 Seiten, 19,90 Euro. ISBN 978-3-8270-0809-1

Neubuch. Neue junge Lyrik. Herausgegeben von Ron Winkler mit einem Nachwort von Ulrike Draesner. Yedermann-Verlag, 240 Seiten, 12,90 Euro. ISBN 978-3-935269-37-7

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Gedicht des Tages - Sabina Naef

Kein Weihnachtsgedicht heute, sondern ein unveröffentlichtes Gedicht von Sabina Naef. "leichter schwindel" ist der einzige ihrer bislang drei Gedichtbände, der noch im Buchhandel oder auch antiquarisch erhältlich ist.

Die Gedichte der 1974 geborenen Schweizerin wirken fast zerbrechlich. In ihrer sanften Schönheit und präzisen Wortwahl sind sie jedoch fest gefügt - da ist kein Wort zuviel, keines ist falsch gesetzt. Sabina Naefs Gedichte wirken durch ihre angenehme Zurückgenommenheit, so als wolle ihre Autorin mit der Effekthascherei mancher ihrer Altersgenossen nichts zu tun haben.

Ich bin übrigens auf der Suche nach den ersten beiden Gedichtbänden von Sabine Naef ("Zeitkippe", Gedichte 1998, Nimrod-Verlag und "tagelang möchte ich um diese Ecke biegen", Gedichte 2001, Edition Isele). Wer mir einen davon überlassen kann, möge mich bitte anmailen.


Dämmerung

die Laternen strecken
unaufhaltsam ihre Fühler aus
ein Mann hält inne
den Hut in der Hand
eine Taube hält Zwiesprache
mit dem fliehenden Tag

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Nachtrag Ulrich Koch - Reich werden mit Weihnachtsgedichten

Gerade werde ich mit Weihnachtsgedichten überhäuft. Dabei wollte ich nur noch ein, zwei veröffentlichen. Morgen wieder! Wer 6000 Euro mit einem Weihnachtsgedicht verdienen will, sollte übrigens mal
hier klicken!


Ulrich Koch schrieb mir ergänzend:

"Ach, ich wollte ja noch Deinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen! Wir haben uns kennengelernt Anfang der 90er, ich studierte damals in Freiburg, und ihr seid über das Freibuger Lesebuch auf mich gestoßen; das Heft in der Reihe fragmente war meine erste Publikation, später habt ihr mich zu einer Lesung in die Literarische Gesellschaft eingeladen, da war das erste Buch dann schon draußen, mit so wenig Beachtung im übrigen nicht: nahezu ohne Besprechung zwar, dafür aber mit mir so teurem Zuspruch (Handke, Malkowski, Piwitt, Stadler), ohne die letzten beiden hätte ich es ohnehin schon längst wie Kühn gemacht."

Dann haben wir damals tatsächlich Ulrich Koch "entdeckt". Ich freue mich schon auf seinen nächsten Gedichtband. Sein aktuelles Buch ist hier erhältlich:

Lyrikedition 2000

Dienstag, 16. Dezember 2008

Gedicht des Tages - Ulrich Koch

In Karlsruhe gibt es die drei Matthias "K" Matthias Kußmann, Matthias Kühn und Matthias Kehle. Matthias Kußmann ist ein bekannter Literaturwissenschaftler (u.a. Herausgeber des letzten Buches des schwerkranken Walter Helmut Fritz "Offene Augen" und dessen "Liebesgedichte"), Matthias Kühn ist Buchhändler, Werbetexter und Schriftsteller, der leider nicht mehr für die Öffentlichkeit schreibt. Ich erinnere mich, wie ich eines seiner Roman-Manuskripte während einer halben Nacht verschlungen habe. Von 1994 an bis 2005 gaben wir eine kleine literarische Reihe in der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe heraus, die mit ihrem Titel "Reihe Fragmente" auf die gleichnamige Reihe von Rainer Maria Gerhardt anspielt. Die Auflage betrug jeweils 200 Exemplare, der Autor oder die Autorin durfte im Karlsruher Literaturhaus ordentlich honoriert lesen - der Literarischen Gesellschaft und der Stadt Karlsruhe sei Dank. "Neue Literatur vom Oberrhein" wollten wir entdecken, unbekannten Autoren ein erstes Forum bieten. Zu dieser Reihe kam noch die Anthologie "Sondern anderswo" (1997) und ein "Sonderheft Karlsruhe" der Literaturzeitschrift "Wandler" mit neuen Texten Karlsruher Autoren (2000). Ein wenig stolz bin ich schon, wen wir damals alles entdeckt und teilweise zur ersten Publikation verholfen haben. Darunter sind Beate Rygiert, Volker Kaminski, Alexander Häusser, Christina Griebel, Angelika Maisch. Einige damals schon bekannte Namen waren ebenfalls dabei: John von Düffel etwa oder Roland Lang und Wolfgang Rohner-Radegast. Und phantastische Autoren, von denen man nie wieder etwas gehört hat. Der an Dada orientierte Frank Zimmer beispielsweise. Kußmann, Kühn und ich saßen abends zusammen, oft in meiner WG und zerpflückten die eingesandten Texte. Markus Orths beispielsweise hatte damals keine Chance, seine Erzählungen waren einfach noch nicht ausgereift. Heute verschlinge ich seine Bücher und begleite Markus ab und an journalistisch. Im Jahr 2000, als das Sonderheft "Wandler" anstand, war er dann so gut, dass wir eine Geschichte aufnahmen. Ich erinnere mich auch, dass wir die Texte der Autoren drastisch kürzten. In einem Fall stand nur noch ein Satz auf dem Papier, aber daraus ließ sich kein Heft machen.

Was wollte ich eigentlich erzählen? 32 Hefte haben wir veröffentlicht, darunter jedoch nur zwei Hefte mit Gedichten. Vor allem Kußmann war selten zufriedenzustellen (er lektoriert stets meine Gedichte - vor diesen Sitzungen graut es mir jedesmal). Bestand hatten nur die Gedichte von Walle Sayer und Ulrich Koch, der damals bereits zwei nicht sehr beachtete Gedichtbände beim Residenz-Verlag publiziert hat. Was der in Winsen an der Luhe geborene und in Hamburg lebende Autor in einer Reihe mit Schwerpunkt "Oberrhein" zu suchen hatte, ist mir entfallen. Koch gehört zu jenen Autoren, deren Tonfall unverwechselbar knapp und oft an der Prosa orientiert ist. Das Weihnachtsgedicht, das er mir mailte, fand ich nicht besonders gut. Aber drei der sieben unveröffentlichten Gedichte will ich mit herzlichem Dank an den Autor posten.



leichenschmaus


im sportheim. an der garderobe regnen
die mäntel ab: schnaps und asche

der pfarrer, vom kaminfegen zurück
erzählt uns vom abbrand der tage:

die wir nur einwohner sind
uns nach und nach vergraben

im kirchschatten der eichen
stehen kühe auf der weide

mit ihren zerbeulten eutern
voll saurer zukunft


---

Rückfahrt


der Abdruck deiner Schläfe
am Fenster des Spätzugs
der sich auflöst
im Himmel
Jahre später fällt Schnee
und eine Wolke tupft
ihr Selbstbildnis
bis auf Höhe
dieses Augenblicks

---

Hauch


Sichelleise
Kohlenwinter
Elbeis

Montag, 15. Dezember 2008

Weihnachtsgedicht des Tages - Theo Breuer


Man sollte es nicht glauben, wieviele Menschen bei google den Begriff "Weihnachtsgedicht" oder "Weihnachten und Lürik" (O-Ton) eingeben und dann hier landen. Und da ich mir viele Leser wünsche, nochn Weihnachtsgedicht, und zwar von Theo Breuer. Wer Theo kennt, weiß, dass er unglaublich viele Spielarten, Tonfälle und literarische Formen beherrscht - kein Wunder, bei der Menge, die er selbst liest und kommentiert. Das Gedicht ist nachzulesen in Theo Breuer, "Nacht im Kreuz. Gedichte aus dem Hinterland", Silver Horse Edition, Marklkofen 2006 (dort erscheint im Januar 2009 der neue Gedichtband "Wortlos und andere Gedichte").


christnacht (kurz vor acht)
– frei nach axel kutsch –

kille kille
stille nacht
bis es kracht

kleidersaum
kippt der baum
polizei

schweinerei
frau im arsch
gatte barsch

kindlein auch
abgeknallt
im treppenhaus

schuß verhallt
soviel zoff
weil man soff

stille stille
hörn wir nun
die posaune

jedem seine
weihnacht
slaune

Samstag, 13. Dezember 2008

Poetologisches

Eben las ich in der Lyrikzeitung folgendes Zitat von Ulf Stolterfoht: "Gedichte schreiben ist fast wie Aufsätze schreiben."
Ich höre lieber Lerchen zu als Krähen.

Freitag, 12. Dezember 2008

Weihnachtsgedicht des Tages - Walle Sayer

Wenn ich meinen lieben Freund Walle Sayer nicht hätte: Er war nämlich der einzige, der mir bislang ein Weihnachtsgedicht schickte, und zwar aus seinem Band "Irrläufer". Es ist m.E. Walles bestes Buch. Dort steht die "Onkelhymne" zu lesen, ein Porträtgedicht, das schöner und widersprüchlicher nicht sein könnte, dort stehen die "Rehe im Strafraum", eines der prägnantesten Bilder der deutschsprachigen Gegenwartslyrik.
Dieser Band wurde dann auch allenthalben gelobt, nicht nur von mir (gespeichert noch bei literaturwelt.de), sondern auch von der Neuen Zürcher Zeitung. Walle Sayers neues Buch "Kerngehäuse" wird am 1. März 2009 in Horb vorgestellt werden. Einstweilen mit freundlicher Genehmigung des Autors und vielen Grüßen an seinen Verleger:


Sydney, Weihnacht 1969

Briefmarkendelphine,
überbringend eine Vorabanmeldung
fürs übernächste Jahr: die Sechzigerfeier,
tannenwipflige Schrift, die fragt,
wer noch alles lebt, die eignen Kinder jetzt
im ehemaligen Überfahrtsalter, selbst
das Weiße zwischen den abfallenden Zeilen
erinnert den Buckel hinterm Friedhof,
Schlittenhang der Kindheit, dort
noch einmal stehn und das Gesicht
sich rötlich färben mit
einer Handvoll Schnee

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Lyrik und Weihnachten

Liebe Leser, ich weiß, dass Ihr zahlreich da seid, aber Euch nicht getraut, meine Posts zu kommentieren. Ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, ob das Thema Weihnachten gedichttauglich ist. Gibt es gute Weihnachtsgedichte? Lieber Theo, lieber Stan, lieber Walle, liebe Claudia und alle, die ich nicht beim Namen kenne: Fällt Euch dazu etwas ein? Nutzt die Kommentarfunktion, liebe Dichter!

Einstweilen freut Euch an meinem

Lieblingsweihnachtsgedicht

Mittwoch, 10. Dezember 2008

Gedicht des Tages - Stan Lafleur

In und um Köln herum tummelt sich eine rege Lyrikszene, spannender und vor allem vielseitiger als die in Leipzig oder Berlin. Durchaus provozierend formuliere ich, dass sich die Leipziger und Berliner gegenseitig zu sehr inspirieren, zu sehr gleicht sich der Tonfall manches Kollegen, mancher Kollegin. In und um Köln herum: Swantje Lichtenstein, Theo Breuer, Christoph Wenzel, Axel Kutsch, Christoph Leisten oder Stan Lafleur, den ich im Großen Conrady wiederentdeckt habe und der kürzlich eine furiose Lesung in seiner Heimatstadt Karlsruhe hatte. Stan Lafleur ist einer jener Kollegen, bei denen sich jahrelange, konsequente und eigenwillige Arbeit "ausgezahlt" hat. Er erzählte von den Anfängen, als die "Spoken-Word-Dichter" sich die Plätze selbst schaffen mussten, an denen sie auftreten konnten. Seine Generation schuf die Grundlagen für die heute so gern gehörten Slam-Poeten. Heute inszeniert Stan Lafleur seine Fußballgedichte in Literaturhäusern.

Ein bißchen Heimweh nach Karlsruhe, dem Ortsteil Rüppurr, in dem er aufgewachsen ist oder dem Schwarzwald hat Stan schon. Er fragte mich, was aus "Europaplatz-Tscharly" geworden sei, ein Mensch, der vor vielen Jahren dadurch lokale Berühmtheit erlangt hatte, dass er auf einem zentralen Platz der Stadt deklamierend auf- und abging. Niemand weiß heute, wo er geblieben ist. Von Stan Lafleur poste ich heute zwei Rüppurr-Gedichte.



blick in den himmel: rueppurr


grell collagierte nils holgersson-himmel

ueber maszvoller erdrotation. suesze rote

blasen die ruckhaft aus aronstaeben quellen


jesus am waldrand, predigt grimms maerchen

jesus, wie er hier haeufig vorkommt in freier

wildbahn. die lautlosen explosionen des


springkrauts. zwischen den lupinenfeldern

verzieht sich der dunst von pizza clubheim

wo wir als buben beim versteckspiel nur


knapp dem maehdrescher entkamen. als

tiere lugen die wolken ueber die schwarz-

waldkuppen. wie wir beisammen standen


am see mit unserer angst. im gebuesch

na holla, die waldfee. fickdichfickdich, ruft

die grasmuecke. jesus latscht mal weiter




blick in den himmel: rueppurr


als schueler lackierten wir reh-skelette

damit sie zu fahrraedern heranwuechsen

versteckt im gestraeuch. die scheuen


himmel ueberm blattwerk. lebensraum

totholz, beschallt vom gefiepe seltener

voegel. der heimische bannwald, ueber-


regional beruehmt als fototapete fuer

saemtliche lebenssituationen. unsere

vereinsfarben dieselben wie jene der


tanke am dorfhorizont, hinter der wir

unsere verluste besprachen, strack wie

harry, am rande der heiligen autobahn

Sonntag, 7. Dezember 2008

Gedicht des Tages - Jürgen Peter Stössel


In Freiburg lebt Jürgen Peter Stössel, ein Lyriker, den ich in den letzten Jahren schätzen gelernt habe. Faszinierend sind seine Krankengedichte, die er unter dem Titel "Flug zur Erde" (Rezension in literaturwelt.de) vor einigen Jahren im Selbstverlag publiziert hat, in denen er seine überwundene Krebserkrankung thematisiert - knapp, lakonisch und gar nicht larmoyant. Im A1-Verlag erschien vor bald zehn Jahren der vorletzte Gedichtband Stössels (Link zu Perlentaucher), im nächsten Frühling werden bei Langewiesche-Brandt alte und neue Gedichte des dann 70-Jährigen erscheinen. Jürgen Peter Stössel hat mir aus dieser Sammlung (sie trägt den Arbeitstitel "Gesternmorgenschnee") ein Gedicht für dieses Blog überlassen. Mehr noch: Ein Essay, in dem der Dichter, Journalist und Veterinär die Bilanz seines Lebens als Lyriker zieht. Da Stössel ein Dichter ist, dessen Werk wenig bekannt ist, möchte ich diesen ganzen, neunseitigen Aufsatz an dieser Stelle publizieren, zumal sich womöglich viele Lyriker dieser Generation beim Lesen selbst wieder finden werden (behaupte ich, der ich fast dreißig Jahre jünger bin). Am Ende von Stössels Selbstversuch habe ich ein paar Links angebracht.

Dass ich übrigens von seinen Gedichten "Wanderers Tagelied" ausgewählt habe, ist angesichts meiner Leidenschaft für's Wandern und Bergsteigen naheliegend. Jürgen Peter Stössel teilt mit mir übrigens diese Leidenschaft und mailte mir einmal, sein höchster Berg sei der Großvenediger gewesen.


Wanderers Taglied

Ausfransender Horizont vor lauter
Windflügeln findet das Auge sagst du
keine Ruh über allen Wipfeln warte
was sehe ich da im vergesslichen
Fichtengrün bald vom Frost gelöschter
Oktoberbrand und dort wie Asche
käferkahle Gerippe auf dem Haupt

des Schwarzwalds wo die Dinge
einsamer werden im Denken und
langsamer behauptet ein Vorgänger
Wir sehen es nicht spüren nur
Schritt für Schritt worüber
die Vögel schweigen müssen
schließlich auch wir




Versuch über das Phantom der sechs bis acht vollendeten Gedichte - von Jürgen Peter Stössel

Die frühesten Lyrikübungen, die ich aufgehoben habe, entstanden ein Jahr nach dem Tod von Benn und Brecht. Der arme B.B. blieb aus dem Deutschunterricht verbannt, weil er für die Adenauer-Republik zum immer noch nicht besiegten Erzfeind übergelaufen war. Sein literarischer Antipode musste dem Gymnasiasten nicht vorenthalten werden. Die anfängliche Verblendung gegenüber der NS-Macht hatte man mit der Vergangenheit des restaurierten Personals im Wirtschaftsstaat schnell „bewältigt“. Ein begeisterter Leser wurde jedoch erst der Student, dem wunschgemäß die seit 1959 im Limes Verlag erscheinenden vier Bände „Gesammelte Werke“ geschenkt wurden. Dabei entdeckte er das „Doppelleben“ des Tierarztes und Wissenschaftsjournalisten. Der Brotberuf sollte „die unbesoldete Arbeit des Geistes“ erlauben, wie sein Vorbild in „summa summarum“ das Dichten erhoben hatte über den schnoddrig mit „meine Tripper spritzen“ abgetanen Lebensunterhalt.
Als der künftige Veterinärmediziner schon unter einem handgreiflichen Mikroskop die fantastisch gefärbten Körpergewebe analysierte, erinnerte ihn der Marburger Vortrag „Probleme der Lyrik“ an den mentalen „Beobachtungsapparat“, mit dem die heraus drängenden Verse sofort zu überprüfen seien. Der Nachgeborene wurde nicht abgeschreckt, sondern fühlte sich auserwählt durch die ihm prophezeite „tragische Erfahrung“, dass auch die großen Lyriker nie „mehr als sechs bis acht vollendete Gedichte hinterlassen.“
Solche Unsterblichkeitsausweise, das war selbst dem jugendlichen Größenwahn klar, gelingen nicht auf Anhieb. Zunächst durfte also ausprobiert werden, was auf welche Weise am besten zu sagen ist. Der Unterprimaner (so nannte man Oberschüler der vorletzten Klasse) verkündete etwa: Hohe, heiße Sonne lenkt / unsere Gedanken. / Tiefe Stille, keiner denkt / an den Untergang. Dann bemühte er sich um eine „Späte Rose“: Schöpfungswund entrollt / sich das Sonnengold / aus verborgnem Grund / Blatt um Blatt dem Rund ... Und mit dem Abitur schien er auf einmal reif für Philosophisches: Flucht. Und kann es doch nicht sein. Fluch / des Bleibens, das kein Raum mehr hält. / Schrei bin ich, ausgestoßen / vom Stimmenschwarm. Und vor mir, grenzenlos, / der weißen Freiheit Zelle.
Während der Lehrplan vergleichende Anatomie, Embryologie oder Physiologie der Haustiere vorsah, blickte einer in sich hinaus: Himmel, diese große / blasse Herbstzeitlose... Lautlos durfte er singen, ohne erklären zu müssen, warum und wovon: Fallen die Chrysanthemen, / schütten die Gräber zu. / Offene Augen, Schemen. / Aber wo atmest du? Beinahe ein halbes Jahrhundert ist das her. Einzelne Strophen hörte ich trotzdem noch gern: Rinde der Nacht, die herben / Düfte von Harz und Holz. / Sterne im Stamm, die Kerben, / bleiben, wo Sonne schmolz. Oder: Wenn wir nach dem Regen / ohne Spur und Schatten, / ohne Weg auf Wegen / fanden, was wir hatten. Ein Ganzes wurde daraus nicht. Immer steht vorher / nachher zu viel oder das Falsche, nur ausnahmsweise ist der passable Teil durch Wegstreichen zu retten. Ein Beispiel dokumentiert in diesem Band „Litanei“.
An den besten Stellen aus jener Phase ist die Benn-Nachfolge offenkundig: Wasser. Im Wasser die Weiden. / Trauer. Wie Tränen das Haar. / Doch aus der Leere, dem Leiden / steigt das ertrunkene Jahr. Zumindest die zweite Zeile hätte der Meister allerdings verübelt („Dies Wie ist immer ein Bruch in der Vision“), und die, meist in schöner Herbstkulisse, verwehende Wehmut kommt mir heute fast frivol vor: Fällt der erste Schnee / ach adieu passé / weiß und leicht vorbei / gute Nacht good bye. Wortmagie ohne existenziellen Grund ist fauler Zauber. Oder meint das bloß ein Autor, der den weit fortgeschrittenen Krebs nicht zuletzt mit Hilfe seiner Diagnose und Therapie begleitenden „Krankengedichte“ überstanden hat?
„Fußgängerzone“, einziges Zeugnis dieser poetischen Chronik in der vorliegenden Auswahl, bezieht sich unverhohlen auf das Gedicht „Reisen“ mit seinem „Ach, vergeblich das Fahren!“. Dass ich mich überallhin mitnehme, hatte ich schon vor der Lektüre des Alterswerks nie bezweifelt. Ließ sich eine Gegend nicht zu Fuß erreichen, war mein Wesen am liebsten im Kopf unterwegs. Die Quintessenz, man solle das „sich umgrenzende Ich“ bewahren, fand ich zu abstrakt hochtrabend. Im Gedächtnis hafteten die müde lächelnd vorgetragenen Fragen der ersten beiden Strophen und die Antwort nach dem verbalen Feuerwerk der dritten: „fällt Sie die Leere an.“ Das wurde bei einem Chemotherapie-Zyklus in der Klinik plötzlich gegenwärtig, radikalisierte die Entfremdung angesichts der Lebensgeschäftigkeit, die ich, von den Tumoren noch lange nichts ahnend, in der Stadt des Matrosenaufstands empfunden und im Notizbuch festgehalten hatte.
Man muss die biographischen Zusammenhänge nicht kennen, um den dissonanten Schluss politisch zu begreifen. Schrill endet mit der Veränderungsillusion zugleich die stilistische Hommage für das einstige Idol, das dem als sinnloses Schlachten durchschauten Geschichtsprozess den einsamen Stolz des Schöpfergenies entgegen gesetzt hatte. Bereitwillig war ihm der 21-Jährige gefolgt. Der hierzu nötigen Mittel noch kaum bewusst, wollte er Kunst schaffen. Ihm fehlte etwas, das seine Kommilitonen überwiegend nicht zu vermissen schienen. Die Sprache, in der er mit sich redete, war mehr als ein Instrument der Verständigung über Dinge, die angeblich in einer von allen mit ihm geteilten Wirklichkeit vorhanden sind. Das Ausdrucksverlangen und der journalistische Mitteilungsdienst gerieten gelegentlich in Widerstreit für den, der ab seinem dreißigsten Jahr das Geld ausschließlich mit Schreiben verdiente.
Zunächst gab es freilich keine Pflicht. Alles war Kür, wenn Papier und Stift oder Tippmechanik dem Abgesonderten ein eigenes Reich eröffneten. Machte er sich einen Reim auf die vor allem in Büchern wahrgenommene Welt, tönte es für geschulte Ohren allzu vertraut. Immerhin wurde das Inhaltliche der Form eingefügt, wenn schon nicht eines im anderen aufging. War die Art des Gleichklangs gewählt, musste danach seinen Regeln gehorcht werden. Die gestalterische Ordnung erlaubte nicht, unmittelbar kundzutun, wie es einem zumute war. Was vor allzu persönlichen Peinlichkeiten bewahrte. Und eine von ebenso diffusen wie flüchtigen Stimmungen unabhängige Struktur verlieh: Du gingst. Ich lausche den Schritten. / Du hast ein Glas zerbrochen. / Du gingst. Ich wollte dich bitten. / Du hast mir doch versprochen. // Du schweigst. Ich wollte dich bitten. / Du hast ein Glas zerbrochen. / Zu spät. Ich lausche den Schritten. / Der Morgen kommt gekrochen.
Die gleichzeitigen Versuche in freien Rhythmen bestätigten Benns Urteil, dass diese bei Mittelmäßigkeiten, die man einem Anfänger als verbesserungsfähiges Durchgangsstadium zugute halten konnte, noch unerträglicher seien als Gereimtes. Das Handwerkliche bändigte zudem den Hang zur pathetischen Pose, dem er immer wieder erlag: ...ich löste den Kahn in der Kehle, nahm / zum Steuer die Stimme und folgte / den Sternen, nicht fragend: / wiegen die Worte ein Leben auf? Das „Selbstporträt“ von 1963 suchte zwar Distanz in der dritten Person, war gleichwohl nicht gegen Lyrismus gefeit: Und dann schlug er noch einmal aus / versteintem Herz den Funken / und ging im Rauch durch die verbrannte Tür / dem Krähenflug der Asche nach // Er grub auf Inseln echoloser Schritte / im Sand der von den Steinen fiel / nach Wurzeln seiner Hand / die winkte nachts versunknen Wäldern nach...
Ins Gefühlige glitt auch „Blick auf Pompeji“ an vielen Stellen ab. Arnfrid Astel bat, sie „womöglich zu verändern oder zu streichen“, aber er signalisierte, notfalls alles in Kauf zu nehmen „wegen ihrer unvergleichlichen Umgebung“. Ein paar der schlimmsten Entgleisungen (auf schlanken Stengeln schwankende Sterne / Narzissen der Nacht) sind aus meiner ersten Gedichtveröffentlichung („Lyrische Hefte“, September 1963) entfernt. Dennoch konnte der annähernd dreimal so alte Verfasser die Aus-und Abschweifungen, den rhetorischen Überschwang, das Geflunker mit Schweigen, Traum und Tod nicht mehr unter seinem Namen billigen. Im Nu waren die zwei DIN-A5-Seiten voller Fragezeichen, Kürzungen und Korrekturen. Bis schließlich der restliche Rohstoff zu einer Neufassung reizte. Sind die fünf fünfzeiligen Strophen nun „vollendet“?
Zwei Ausgaben danach brachte Astel in der von ihm 1959 bis 1971 herausgegebenen Zeitschrift erneut Gedichte. Eines mit dem Titel „Land zu nehmen“ hatte ich ihm angepriesen, es sei „genau, vielschichtig und unverkennbar von mir“. Na ja, junger Freund, ermahnt sich der Dichter als alter Mann, für vier der 42 Zeilen mag das vielleicht gelten: ... Birken zu beiden Seiten die / Rippen im Rhythmus des Atems heben und / senken sich wenn die Brust der Bläue schwillt / rot das Gefieder dem Dompfaff randüber. Mein anfangs zustimmender Mentor publizierte die von der Suggestion ihrer Außerordentlichkeit berauschten Ergüsse zusammen mit Zitaten aus Briefen, in denen ich mich zu Griseldis Fleming geäußert hatte. Dieser weitgehend vergessenen Dichterin war ich in den Heften neben hinterher bekannt gewordenen Kollegen begegnet. Sie habe, wehrte ich den Epigonen-Verdacht ab, mich weniger direkt beeinflusst als vielmehr ermutigt zu dem, was ich in mir gespürt, wegen seiner „unzeitgemäßen Abseitigkeit“ indes unterdrückt hätte. Das Aufgestaute breche sich jetzt Bahn, so übermächtig, dass es sicherlich oft über mich hinweg flute. Mein gleichsam „schwimmendes“ Schreiben erschwere es ohnehin, aus dem „Strömen und Strudeln ein makelloses Gebilde zu ziehen.“ Die Schwächen, Zumutungen, die man der Fleming gleichfalls überall nachweisen könne, würden mehr als aufgewogen durch „wolkenweiß gefundene Worte“ und die Klangdichte dieser Verse.
Ich sprach über die Bewunderte für mich und hatte nichts einzuwenden gegen die aufgezeigte Ahnenreihe, beginnend mit Gerard Manley Hopkins, den Astel ins Deutsche übertragen hatte. Ihm verdanke Dylan Thomas viel, und von dem sei sowohl die Fleming als auch ich inspiriert. In der Tat haben wir beide sein „Fern Hill“ paraphrasiert. Meine Version „Als ich jung aus weißen Jahren ...“ verleibte sich die letzte Zeile (ob ich auch sang in meinen Ketten wie die See) regelrecht ein: ich in Ketten mächtig wie das Meer. Doch ich schwärmte über meine Verhältnisse. Zu Recht hatte mir Astel im November 1964 vorgeworfen, die hymnische Ekstase wirke häufig „angeheizt und irgendwie übertourig“. Später riet er mir dringend, einfach, prosaisch zu sein, wenigstens „als vorübergehende Askese“, das erlesene Vokabular in die Isar zu werfen, mit Brecht, der wiederholbar sei wie die Wahrheit, von vorn anzufangen.
Des ungeachtet trieb es den mittlerweile auf dem Land praktizierenden Viehdoktor weiterhin hoch hinaus. Er beschwor Mystisches: Augenwort sag / was den Schleier uns sang / aus gesehener Sonne. Und ersann kühne Metaphern: Des Alphabets / Ähren von Blutflegeln / gedroschen auf / Trommelfelltennen. Näher am Sichtbaren waren Verse wie: Sonnengesattelt das Land / Lang schießen Schwalben / Zügel ins Blau. Und: Schwankend / auf schattensteifen Beinen / ein neugeborenes Licht. Mal wurde der real existierende Augenschein verwandelt: Grassaiten / Mit gelben Zähnen zupft / das Sommertier sein Lied. Andererseits löste sich sinnliche Evidenz in melodische Rätsel auf:...wenn weißer Wiesen Tau weiht meinen Schlaf / den Täuschungen des sanften Taubentods / auf einem fernen Wasserspiegel Luft. Sein schmutziges, von der harten Notwendigkeit bäuerlicher Betriebswirtschaft bestimmtes Tagwerk veredelte der Feierabendkünstler, wenn es ihm überhaupt der Rede wert war, zu Herztrommeln / begleitet von Harnrassel und / Kothorn beim Tanz um das offene Mundgrab.
Im Debütband „Tatworte“ von 1971 hatte ich für derlei Ästhetisierung nur noch Spott übrig. Unter meinen Vorfahren wurde die Tradition der Trauer / geheiligt war der Tod an der Tagesordnung das Leben / ein Leichenschmaus für literarische Feinschmecker / man liebte das Zeitlose den Anachronismus / schwarzer Zylinder // Übrigens ist der Wind / wirklich haarsträubend. Konsequent hielt sich das lyrische Ich in einem „Gastarbeiterin“ überschriebenen Text (diese Bezeichnung neutralisierte damals zunehmend die Exklusivität der Dichtung) den sozialen Spiegel vor, indem der Hotelgast beim Anblick einer Bediensteten in der Küche protokollierte: Sie hat am Ende der Woche / nicht mehr verdient als ich hier ausgebe / an einem Tag. Wer derart die Spitzweg-Idylle vom armen Poeten demontierte, konnte nicht mehr hinter dem Mond nächtelang Ferngespräche mit der Sonne führen. Die Egalität des Telefonverkehrs wurde zum Programm: Seitdem er selbst / dafür bezahlen muss wenn er andere / aus dem Schlaf schellt / fasst er sich kurz. Den drei Abschnitten in „Tatworte“ waren Sentenzen vorangestellt, zum Beispiel: Ich mag keine Menschen / die Tiere mögen / Ich mag aber Tiere. Und: Um das Ankleben von Plakaten / zu verbieten muss man / Plakate ankleben. Treffend, gewiss, wenngleich zwischen Buchdeckeln nicht bedeutsamer als anonyme Wandschriften, die seinerzeit überall auftauchten. Besonders in Erinnerung blieb mir die antiautoritäre Schlagfertigkeit: Ihr wollt nur unser Bestes. Aber das kriegt ihr nicht.
Die in „Friedenserklärung“ gesammelten „Gedichte 1968-1972" hatten gleichfalls für jede Abteilung ein Motto. Eines bekannte sich artistisch zur Bescheidenheit, als Heinrich Böll deren Ende im professionellen Bereich forderte: Ich sage eine schöne Kuh / Der Bauer fragt Wieviel Milch / Das ist verständlich. Unter der Devise Die Kunst ist tot / Die Künstler enthüllen / ihr Denkmal setzte ein an die sprechende Mehrheit gerichtetes Gedicht emphatisch Hand- und Kopfarbeit gleich: Ich sehe keinen Unterschied / außer dass ihr...einen Graben / aushebt für die Lichtkabel dass in meinem Haus / Licht ist wenn ich schreibe damit / ein Licht aufgeht denen / die uns in den Schatten stellen wollen. Der sich da engagierte für jene die zu lange geschwiegen haben / aus Furcht das Richtige / falsch zu sagen (so eine spätere Variation des Bündniseifers), nahm Floskeln beim Wort, drehte eingeschliffene Wendungen um zur Pointe, spießte die Lügen der Herrschenden im herrschenden Gerede auf, scheute weder solche dialektischen Volten noch grob zugespitzte Agitation, die etwa enthüllt, was sich hinter „Unternehmerglück“ verbirgt: Das Geld / liegt auf der Straße / erklärte der Bauunternehmer // Man muss nur / genügend Leute haben / die sich danach bücken.
Der aufklärerische Witz ließ stutzen oder schmunzeln. Was eine Rezension als „Linke Wortspiele“ einstufte, pfiff auf das ewig Wahre, Schöne und Gute. Es gehörte zum ernsthaften Vergnügen der Debatten um die hier und jetzt nötige Gesellschaftsveränderung. Das dichtende Individuum gehorchte nicht mehr „einer inneren Stimme, die niemand hört“, keine Schicksalsgöttin hatte ihm das von Benn heroisierte Los zugeteilt, „der Stummheit und der Lächerlichkeit preisgegeben“. Ohne den mythischen Olymp wollte der Schreiber auf seine Art einer von unzähligen Werktätigen sein. Der genialische Einzelgänger lernte, dass seine Erzeugnisse kritisch erörtert und gemeinsam bearbeitet wurden, wie er selbst mit darüber befand, was die Zeitschrift „Literarische Hefte“ druckte. Unter dieser Bezeichnung führten Klaus Konjetzky, Dagmar Ploetz, Roman Ritter, Uwe Timm und ich Arnfrid Astels lyrisches Periodikum bis 1977 fort. Nach außen traten wir als „Wortgruppe München“ auf und opferten mitunter sogar unsere Originalität für kollektiv verfertigte Texte. Gemessen an der zielstrebigen Absicht war manches Wegzeichen dieser Etappe vollendet - und eben dadurch überflüssig, sobald es seine Funktion erfüllt hatte: den Gleichgesinnten bestätigend, dass die Richtung stimmt, die anderen auf ihre falsche Fährte hinweisend. Kein Wunder, dass kaum etwas meinem prüfenden Rückblick standhielt.
Was steckte überhaupt hinter dem Umschwung? Die Einsicht, einem überholten Ideal von Erhabenheit und Größe anzuhängen? Oder Rechtfertigungsdruck, weil ich als Angestellter in der Pharmaindustrie und Redakteur eines Ärztemagazins zum „Establishment“ gehörte? Morgens unter der Dusche / wenn ich aus der dampfenden Höhle / atemlos / in die Kälte springe / fällt er mir manchmal noch ein / der sehr geehrte Herr Doktor / der seiner Sekretärin diktierte / mit Schlips und desodoriertem Schweiß / sich distanzierte von diesem Sommer / als meine Freunde von heute / baden gingen im Kampf / gegen die Wasserwerfer der Polizei. Die Kollegen waren ein paar Kriegsjahre jünger oder, wie Uwe Timm, auf dem zweiten Bildungsweg verzögert unter die revoltierenden Studenten geraten. In der Gruppe wähnte ich, der 68er-Initiation teilhaftig und im Sinne Brechts listiger Parteinahme brauchbar zu werden für das „Einfache, das schwer zu machen ist.“ Eine Weile genoss ich die auf dem Papier leicht zu habende Solidarität, redete mir ein: und seit ich zuhör / hört man mir auch zu. Das war die Moral von dem Gedicht „Brechts Geburtstag“. Der Wortlanger setzte sich im Nebenzimmer einer Vorstadtkneipe an einen Tisch zu denen, die einst weder Namen noch Gesicht gehabt hatten, als er sich mit den Liedern für das Volk im Kreis seiner Vorstellungen drehte wie die alte Platte: Und weil der Mensch ein Mensch ist… Der Chor sollte nicht nur Musik in verwöhnten Ohren sein. Ich erfand Genossen, die sich gegenseitig versichern: Dass du nicht aufgibst / ist unsere Aufgabe.
Solche Slogans waren gut gemeint, mithin nach Benns berühmtem Verdikt das Gegenteil von Kunst. Diese musste zwar nicht mehr, dem diktatorischen Kurzschluss der „political correctness“ entsprechend, „Waffe im Klassenkampf“ sein. Doch das absolute Gedicht, an niemand gerichtet, war nach wie vor verpönt. Die wieder entdeckte Subjektivität behielt ihr gesellschaftliches Ensemble im Auge. Insofern das Private als politisch deklariert wurde, schien der Widerstreit zwischen Literatur und Leben überwunden. Das Sein bestimmte das Bewusstsein – und umgekehrt, wie es die meist verstümmelte Marx-Maxime ursprünglich postuliert hatte. Die damit gewonnene Freiheit konnte meine literarische Produktion wenig nutzen. Von der Verschwisterungseuphorie, die der Titel „Zwei sind nie allein“ 1979 banalisierte, blieb hauptsächlich schlichte Erlebnislyrik. Links, wo das Herz ist, war auch Platz für Liebe und ihren Schmerz, kitschverdächtig. Zum Beispiel in „Briefe schreiben“: Ein warmer Regen fällt / Der Hinterhof vor meinem Fenster / öffnet sich / als könnten Steine blühn // Ich halt dem Himmel / beide Hände hin / Die Tropfen / zählen meinen Puls / der wie mit Flügeln schlägt // Als würden Wünsche wachsen / spür ich wie dein Haar / ein warmer Regen fällt. Ähnlich „Warten auf Post“: Wo du gegangen bist / liegen jetzt Blätter / vom Ahorn der hat / keine Hände mehr / um den Himmel zu halten // Ein Fremder kehrt / zusammen das Laub / Unter dem bärtigen Halbmond / werden Worte zu Rauch. Als Finale des Bandes beharrte ein „Persönlicher Aufruf zum ersten Mai 1978“ auf dem Glück / zu denken an einen Menschen / der an mich denkt. Und gab die Parole aus: Wo kommen wir hin / wenn nicht jeder zu sich kommt.
Stimmt natürlich, kommentierte der geschichtliche Leser in mir. Nur reicht das nicht für mehr als Wohlfühlhilfe. Meine „Verteidigung der Poesie“ hatte sich nicht zufällig eines Tricks bedient. War es anbiedernde Tiefstapelei, ein Nachhall der Beuys-Botschaft, jeder sei ein Künstler? Oder begnügte sich der Politbarde aus ideologischer Einfältigkeit damit, sein Notizbuch aufzuschlagen? Maislaub vergoldet / vom ersten Frost // So fängt ein Gedicht an / das ich auf der Fahrt nach Passau sah / am 5. Oktober 1977… // Fahrt selber hin/ und schaut / und dann erinnert euch / wie oft ihr schon / Gedichte übersehen habt. Vor dem pädagogischen Fingerzeig war mir freilich etwas unterlaufen, das im Vorgang des Zu-Wort-Kommens über sich hinaus weist: Die unbeschreibliche Melancholie / eines einzeln / fallenden Ahornblatts. So eine kleine Geste, muss ich ernüchtert einräumen, behauptet sich angemessener gegen die „Prosa der Verhältnisse“ (Hegel) als alle aktivistischen Merk- und Sinnsprüche in dieser Publikation, die mir lediglich für drei Stücke noch bearbeitungsfähiges Material lieferte.
Völlig ausgeklammert hat meine Bilanz das als „Gedichterzählung“ gekennzeichnete Experiment. „Der Grund zum Leben“ verhieß Antwort auf die Frage der von Gott abgefallenen Kinder, ob und wofür sich die Mühe des täglichen Aufstehens lohne, exemplarisch dargestellt durch einen bürgerlichen Intellektuellen, der nach dem Selbstmord einer Nachbarin in den 1970er Jahren auszog, das Fürchten zu verlernen. Es wird einmal begann dieses Märchen, das der als kommunistischer Maler und Grafiker vom Verfassungsschutz observierte Guido Zingerl illustriert hatte. Er tauchte selbst auf, beim gemeinschaftlichen Pilzsuchen menschenfreundlich wie die übrigen Gefährten, die in der versifizierten Bekenntnisschrift für ein Weiterleben vor dem Tod einstehen sollten. Formal scheiterte das Unterfangen an seinem Anspruch: Jedes gute Gedicht / ist ein Vorgeschmack auf bessere Zeiten. Das utopische Wir anrufend, meinte der zum richtigen Glauben bekehrte Überzeugungsredner, „unter uns“ nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen zu müssen. Gleichsam nebenbei glückten da und dort erhellende Wendungen, Sätze, die aus sich heraus Sinn zusammenfügten. Doch vorwiegend wurde geschwätzt über das, was sprachlich zu vergegenwärtigen gewesen wäre.
Dem selbst erteilten Auftrag, Mitstreiter zu gewinnen für die Zuversicht, dass nichts so bleiben muss / wies ist, konnte ich eher gerecht werden mit Sachbüchern. Wobei Gattungskombinationen wie erzählende Dokumentation oder wissenschaftlicher Tatsachenroman noch meinen belletristischen Ehrgeiz verrieten. Das Lyrische, zunehmend aus der Öffentlichkeit verbannt, wartete auf Gelegenheiten, um sich ohne thematische Vorgaben, Gesinnungstribut, Zweckmäßigkeit – Einschränkungen, die der Bezug auf das „Eigentliche“ außerhalb seines vom symbolischen Hörensehen bestimmten Bereichs fordert - entfalten zu können. In dieser Nische brauchte ich den einmal angestimmten Ton, der als der eigene zugeschrieben werden kann, nicht um jeden Preis zu pflegen. Der Konkurrenz entzogen, war ein solches Markenzeichen wenig wert. Indes begünstigte die scheinbar alles erlaubende Isolation waghalsige Verwilderung oder Gestammel, was einem, der sozusagen existenziell um Atem ringt, schon Kunst genug sein mochte. Und für den Buchbetrieb hatte die nach langer Pause zustande gekommene Sammlung „Der 60. Mai“ denn auch kein griffiges Etikett parat.
Aus den Fehlern, die mir das weitere Da- und Tätigsein als solche offenbarte, habe ich nichts gelernt als die Binsenweisheit: Es gibt keine vollendeten Gedichte, solange der Schreiber das scheinbar Fertige revidieren kann, abgesehen davon, dass jeder Leser seine Fassung herstellt und diese ein Leben lang immer wieder zu ändern vermag. Perfekt ist einzig das endgültig Ausgehauchte, wenn der Grabstein zum Schlusspunkt wird. Danach entscheiden die sterblichen Erben, was sie mit dem Werk noch anfangen können.

Links:
Allmende-online
Autorenverzeichnis Baden-Württemberg
Flug zur Erde bei BOD

Dienstag, 2. Dezember 2008

Gedicht des Tages - Stefan Heuer

Was habe ich heute beimForum der 13 gelesen, bei dem mich Stan Lafleur dankenswerterweise verlinkt hat? Dies hier sei "einer der wenigen deutschsprachigen Qualitätsblogs zum Thema Lyrik." Ich nehme es gerne zur Kenntnis, auch wenn ich das als Blog-Laie/ Blog-Neuling gar nicht beurteilen kann. Kräftig dagegen arbeiten werde ich jedoch gegen eine andere Feststellung Stans, nämlich "Der Schwerpunkt liegt auf dem lyrischen Geschehen in Baden-Württemberg." Und so präsentiere ich heute einen Autor aus Burgdorf bei Hannover. Im Gegensatz zu mir spricht Stefan Heuer (hier geht es zum Poetenladen) wahrscheinlich ein astreines Hochdeutsch - bislang haben wir nur hin- und her- gemailt. Allein um den genialen Titel "Favoritensterben" für seinen vorletzten Gedichtband möchte man ihn beneiden. Ich freue mich sehr, dass mir Stefan ein unveröffentlichtes Gedicht überlassen hat, das auch noch (neben Jancu Sinca) Andreas Altmann gewidmet ist, den ich sehr schätze.


nachtprogramm
für Andreas Altmann und Jancu Sinca


und dein kopf als briefbeschwerer auf dem schreibtisch,
auf dem papier, ein kopf mit einem auge das wacht:
es ist nun still in den geräuschen, und auch im dunkeln

ist das licht erloschen, lösen sich nach und nach die späne,
löst sich das furnier vom holz der nacht / mit der zeitung
übst du das lesen, du liest die todesanzeigen und schulst

an ihnen deinen blick, legst dir den druckreif ums gelenk,
und alles sei dir gleich gültig, alles gleich wahr; fahrlässig
gehst du mit deinen chancen um, und achtung:

der hot-button schlägt gleich wieder zu, und das willst du
doch nicht verpassen, wirklich niemand will das verpassen



Ein Bild hat sich mir ganz besonders eingeprägt: "legst dir den druckreif ums gelenk".

Montag, 1. Dezember 2008

Wie ein Gedicht entsteht (1)

Meine Gedichte entstehen handschriftlich. Im häufigsten Fall setzte ich mich morgens gegen acht Uhr an den Schreibtisch und blättere in meinem Notizbuch, in Wörterbüchern, Gedichtbänden anderer Autoren und notiere mir auf einem Bogen Papier oder im Notizbuch, was mir auffällt, was mir einfällt, was sich zusammenfügt. Im günstigsten Fall entsteht die erste Version eines Gedichtes, im ungünstigsten Falle bleiben ein paar Vokabeln im Notizbuch stehen, die Rohmaterial sind für einen anderen Tag, für ein anderes Gedicht.
Am 31. Mai 2001 notierte ich zunächst einige Vokabeln:

"abschätzig

örtlich betäubt
Spielräume durchmessen
Quartier beziehen

sich aneinander vorbei erinnern"

Dann notierte ich in zwei Spalten folgende erste Versionen:

"Du lutschst
gefrorene Kirschen,
eine örtliche Betäubung
auf dem Balkon
lachst du
drehst die Beine in den Schatten


Eine Art bei Sinnen
zu bleiben, sagst du,
gefrorene Kirschen
lutschen,
die Zunge
örtlich betäubt"


Einen knappen Monat später, am 26. Juni 2001, entstand folgende Version:


"Hundstage

Du sitzt auf dem Balkon,
lutschst gefrorene Kirschen,
örtliche Betäubung, lachst du,
und streckst die Zunge heraus
und drehst die Beine in den Schatten.

Würdest du gerne einmal
im Liegestuhl einschlafen,
nicht bemerken, wie es Nacht wird
und am Morgen durchfroren vom
Wind, und deinem Ventilatortraum aufwachen?"


Noch beim Schreiben habe ich jeweils das "und" in der vierten und in der letzten Zeile gestrichen. Zum ersten Entwurf kam "in einem Rutsch" die zweite Strophe. Abweichungen zur Druckversion bitte ich den Leser selbst zu überprüfen ;-)

Ich mag dieses Gedicht sehr gerne, weshalb ich es immer wieder bei Lesungen auswähle. Es hat nur einen Nachtteil: Das "lutschst" in Zeile 2 ist ein Zungenbrecher!