Samstag, 3. Januar 2009

Begegnungen mit Walter Helmut Fritz

Walter Helmut Fritz gehörte neben den Klassikern, neben den Schul-Dichtern (Celan, Eich, Huchel, Bachmann) zu den ersten Lyrikern, die ich las. Als Karlsruher kannte man Fritz auch schon vor 25 Jahren. Ein Thema meiner mündlichen Prüfung in Allgemeiner Literaturwissenschaft war 1994 die Lyrik des Karlsruher Autors. Ich rief ihn an - seine Nummer stand im Telefonbuch -, fragte, ob ich ihn interviewen dürfe und besuchte ihn in seiner Wohnung in einem Hochhaus in der Kolberger Straße der Karlsruher Waldstadt. Ich erinnere mich an endlose Bücherregale und an die Vasen auf einer Fensterbank, die mich sogleich an Fritz' Morandi-Gedicht denken ließen ("Ich habe das Glück gehabt/ ein ereignisloses Leben zu führen"). Fritz war wortkarg, gab auf die meisten Fragen nur knappe, eben lakonische Antworten. Einige wenige Fragen beantwortete er ausführlicher. Die Mitschrift dieses Interviews aus dem Jahr 1994 fiel mir kürzlich in die Hände. Bei Gelegenheit werde ich sie posten.
Als mein erster Gedichtband ("Vorübergehende Nähe") sowie ein bibliophiles Bändchen ("Belebte Plätze") erschien, bekam Fritz von mir jeweils ein Exemplar per Post. Er bedankte sich jedesmal mit einigen knappen Zeilen auf Postkarten. Überhaupt kam jedesmal ein Kärtchen, mit dem er sich bedankte: Wenn ich eine Rezension über ein neues Fritz-Buch schrieb oder wenn meine Frau ihn anläßlich einer Lesung mit dem Auto vom Bahnhof abholte. Das Verhältnis zwischen uns blieb distanziert, aber freundlich und kollegial. Ich erinnere mich an eine Lesung bei den Baden-Württembergischen Literaturtagen in Fellbach, als es mir gelungen war, ihn und Walle Sayer zusammenzubringen. Von dem Duett, der lyrischen Zwiesprache der beiden ruhigen, ja stillen Männer war ich so sehr beeindruckt, dass ich mich bei meiner Moderation verhaspelte. Im Jahr 2003 bat ich ihn, mir ein Nachwort zu meinem Gedichtband "Farben wie Münzen" zu schreiben. Ich sandte ihm das Manuskript und hörte sehr lange nichts von ihm - bis ich eines Tages ein kurzes, aber sehr kluges Nachwort aus dem Postfach fischte, geschrieben mit einer alten mechanischen Schreibmaschine, und zwar ohne jeden weiteren Kommentar.
Wir trafen uns nun regelmäßig bei den Beiratssitzungen der Literarischen Gesellschaft in Karlsruhe, bei einigen Veranstaltungen (etwa mit Uwe Pörksen, der über Rainer Maria Gerhardt einen Vortrag hielt) und zuletzt bei seiner Lesung während der Literaturtage des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) am 26. Mai 2005 in Rottenburg - wahrscheinlich einer seiner letzten öffentlichen Auftritte. Walter Helmut Fritz' Vortrag war souverän wie immer, auffallend war jedoch seine Kurzatmigkeit. Meine Frau konstatierte an diesem Abend, Fritz' sei mir gegenüber offener geworden, ja fast herzlich. Nun, da Walter Helmut Fritz schwer krank ist und in Heidelberg lebt, bin ich froh, dass er mit Matthias Kußmann einen kundigen und geduldigen Herausgeber seiner letzten beiden Bücher und einer künftigen Werkausgabe gefunden hat. Mir bleibt, Fritz und Kußmann (der übrigens mit mir studierte) als Rezensent zu unterstützen. "Wohlwollend" brauche ich nicht hinzuzufügen, schließlich spricht die Qualität der Gedichte von Walter Helmut Fritz für sich selbst.

Keine Kommentare: