Mittwoch, 7. Januar 2009

Gedicht des Tages - Christine Langer


Als Christine Langers Gedichtband "Lichtrisse" im Jahr 2007 erschien, reagierte das "große" Feuilleton so, als befinde man sich im Hühnerstall. In einer bekannten Wochenzeitung krähte ein Gockel: "Schaut her, ich habe ein hübsches Huhn entdeckt, das güldene Eier legt!" Kurz darauf krähte ein Hahn in einer sehr bekannten Tageszeitung: "So ein Schmarrn, die Eier des Huhns sind alt und abgelagert." Und eine weitere Tageszeitung aus dem bayerischen Raum legte auch noch einen drauf. Kurz: "Lichtrisse" wurde - um bei den Eiern zu bleiben - in die Pfanne gehauen. Das Niveau der Kritiken war weitgehend erbärmlich. Man musste sich für seine prominenten Kritiker-Kollegen schämen.
Dass es auch niveauvoll und differenziert geht, bewies der Deutschlandfunk:
Am Puls der Natur

Dass Lyrik-Kritik im großen Feuilleton gar nicht mehr oder nur in o.g. Weise stattfindet, ist sattsam bekannt, die erwähnte Wochenzeitung brachte es ja einmal fertig, bei einer Buchwochen-Beilage keinen einzigen Gedichtband zu rezensieren. Die fundierte Kritik hat sich weitgehend ins Netz verlagert - mit dem Nachteil, dass die Rezensenten nicht honoriert werden, sondern aus Leidenschaft tätig sind. Vorbildlich auch die Kritik der Lichtrisse im "poetenladen"

Lyrische Exkursionen und Exerzitien

Schön gemacht ist "Lichtrisse", wie fast jedes Buch des Tübinger Klöpfer&Meyer-Verlages. Prächtige Naturfotos und Bilder der ebenso liebenswürdigen wie hübschen Christine Langer finden sich auf ihrer sehr benutzerfreundlichen Website. Neben den wichtigen Informationen zu ihrer Arbeit, versteht sich.

Eine der schönsten Lyrik-Lesungen im vergangenen Jahr war die mit Claudia Gabler und Christine Langer bei den Literaturtagen des VS Baden-Württemberg in Überlingen, überschäumend die Naturlyrik von Christine auf der einen Seite, das kühle Parlando der Alltagsgedichte Claudias auf der anderen Seite. Gerade hat Christine übrigens das Literaturstipendium des Landes Baden-Württemberg erhalten - die höchstdotierte Auszeichung im Ländle. "Belohnt" wird hiermit auch ihre jahrelange Arbeit für die renommierte Literaturzeitschrift "Konzepte", die sie nach dem Ausstieg von Markus Orths nun nahezu im Alleingang herausgibt. Danke, liebe Christine, für Dein neues Gedicht:



Der Sturm


Töne in der Luft, ein bodenständiger Baß
Bläht sich auf und dehnt seinen Atem,
Läßt das Laub hüpfen, das Licht in den Pfützen,
Krähen kreischen, der schwerelose Wind
Formt Himmelsstriche die den Horizont dirigieren
Und neue Konturen entwerfen: ein Übermaß an Raum
Und hellsichtigen Wolken

Ich drehe mich unter Wipfeln wie ein Kreisel,
Umschließe einen Kiesel, einen Heiligenstein,
Der mit jedem Stöhnen von Stämmen
Hörbar wird, ein Omen, von Luftwirbeln getragen,
Die übergehn ins Braun der Zapfen am Boden

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