Dienstag, 27. Januar 2009

Gedicht des Tages - Das beste Versteck


Am 28. Januar dieses Jahres wäre mein Vater 70 Jahre alt geworden. Vor knapp sieben Jahren starb er plötzlich und unerwartet. Dieser brave, stille Mann ohne Fehl und Tadel, begnadeter Handwerker und Tüftler, so ganz anders als sein Sohn - wie vermisse ich ihn, wie sehr war dieser 14. April 2002 eine Zäsur mit Nachwirkungen bis heute.
Eine Zeitlang habe ich ihn überall gesehen. In meinem eigenen Gesicht, in meinen Träumen, in Kaufhäusern. Wie sehr hasste ich eine Weile jene jungen Männer, die noch einen Vater hatten.
Hinterlassen hat der Mann mit dem seltenen Vornamen "Longin" ein eigenhändig gebautes Haus und einige tausend Fotos, auf denen er selbst selten zu finden ist. Er war verschwunden - ich archivierte sämtliche Spuren: spärliche Fotos, eine winzige Videosequenz, seine Stimme, konserviert auf drei Tonbandschipseln. Und ich musste ihn skizzieren. Drei Erzählungen entstanden: "Der Hahn" und "Diaabend"(veröffentlicht in "Am Erker" Nr. 45 und 51) sowie "Ginster" (nachzulesen in "Allmende" Nr. 74). Ich habe darin einige Kindheitserinnerungen verarbeitet - zum Teil sind die Geschichten autobiografisch. Da ich sehr wenige Erzählungen schreibe, werden sie wohl noch lange nicht in Buchform auftauchen.
Unmittelbar nach dem Tod meines Vaters entstand der Gedichtzyklus "Das beste Versteck" (aus dem Gedichtband "Farben wie Münzen"), angeregt durch eine Zeile von Reinhard Kiefer.


Das beste Versteck




1

Das beste Versteck lachst du
ist der Tod weißt du das schon?

Du winkst als seist du nicht allein
gelassen ist das falsche Wort.

Mit wem spiel' ich jetzt Räuber und Gendarm
und who is who?



2

Hast du genügend Fragen gestellt,
um von Antworten abzusehen?

Ist dein Name seltsam genug,
um nicht dir zu gehören?

Bleibt dein Geruch
in deinen Kleidern?



3

Brauchst du das Hörgerät
für die Gegenstimmen
für das Knacken das Rauschen?
Lebst du noch vom Mund ins Ohr?



4

Hast du dich aufgezeichnet
die Stimme verloren

Wem bist du entgangen
als du gestorben bist

Spreche ich mit dir



5

Ich sehe was,
was du nicht siehst:
Was ich mit spitzen Fingern
aus deiner Wohnung schaffe.

Löse ich dein Lexikon
auf, wenn ich für dich
Augen habe?



6

Wie bist du
ins Spiel gekommen?

Nimm dir und schenke
mir nichts dir nichts.

Behalte ein Schlupfloch.

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