Donnerstag, 29. Januar 2009

Gedicht des Tages - Harald Hurst


Wäre der Mundartdichter Harald Hurst in ganz Deutschland so erfolgreich wie hier im Südwesten - er wäre mit Abstand der bekannteste Schriftsteller. Weit vor Martin Walser. Er selbst nennt sich "Wörterclown und Lachpoet" und vergleicht sein künstlerisches Dasein eher mit dem von Gauklern oder Jongleuren als mit dem von Autoren.
Harald ist einer meiner wenigen Dichterfreunde. Dieser "Wörterclown" und Literaturkabarettist, für viele Menschen die Inkarnation des Badeners, ist (nebenbei gesagt) ein brillanter Intellektueller und Feingeist, der meine Gedichtmanuskripte stets mit Geduld, Akribie und Sensibilität lektoriert.
In den letzten zwanzig Jahren haben wir gemeinsam einige denkwürdige Erfahrungen gemacht und machen müssen. Sturzbetrunken lasen wir in einem Studentenwohnheim in Freiburg - weil die Studenten kaum Honorar zahlen konnten, bekochten sie uns. Wir paddelten auf der Ardeche; wir mussten unverrichteter Dinge wieder abrücken, weil zur angekündigten Lesung in Bruchsal niemand kam - der KSC spielte an jenem Abend im UEFA-Cup. Wir feierten im Friseursalon seiner damaligen Freundin, derweil die Ettlinger Nachtschwärmer verblüfft durch's Schaufenster starrten. Zweimal rief Harald frühmorgens bei mir an, um mir den Tod von liebgewonnenen Kollegen mitzuteilen, von Kuno Bärenbold und Peter Lober; einmal saßen wir am frühen Nachmittag beim Weißwein, weil ich gerade vom Sterbebett meiner Lieblingstante kam und weiche Knie hatte, kurz zuvor war Haralds Mutter gestorben.
Jedesmal, wenn ich nach Ettlingen komme und unter seinem Fenster stehe, nehme ich das Handy, rufe oben an und frage ob er Zeit habe auf ein Glas Wein und eine Zigarette. Oft hat der Badische Dichter keine Zeit, oft sitzen wir aber länger als eine Zigarette lang zusammen.
Dieser bacchantische Popstar unter den Dichtern hat einige wunderbare Gedichte geschrieben, mein Lieblingstext ist seine unglaublich sinnliche Hommage an die Stadt Straßburg, ein Gedicht, das in seiner epikureischen Gelassenheit an Rainer Brambach erinnert. Ihr Nordlichter unter meinen Lesern, lasst Euch das Gedicht von einem Süddeutschen vorlesen!
Der womöglich weithin bekannteste Text von Harald steht in seinem lange vergriffenen zweiten Buch, das selbst antiquarisch und für viel Geld nicht mehr zu bekommen ist. Dieser kleine "Flirt" war vor vielen Jahren in zahllosen Anthologien und Zeitschriften wie dem "Stern" zu lesen. Beide Gedichte poste ich mit herzlichem Glückwunsch zum heutigen 64. Geburtstag! Mögen wir zusammen noch viele Viertele schlotzen und "noch manchen katzefaule sommerdag versitze".



Salut Schtroßburg



salut schtroßburg, ca va, wie geht's?
du bucklichs hutzelweib
mit deinre schwarze sammethaub
von kirchemoos un ziegelscherbekarmesin
mit deinre mittelalterkrätz am kopf
von taubeschiß und feuersbrunscht
von peschtilenz un regemessingrün
mit deine alte pflaschterstaigedärm
voll pinot blanc un münschterkäs
bischofslila, marseillaise
weiberwackelärsch, baguette
soß vinaigrette un schwarzer zwischedurch-
un feierobendzigarett

salut schtroßburg, ca va, wie geht's?
mei apfelbackichs bauremädle
mit deinre gugelhupffrisur
e goldes kettle
um dei bauremädlefüß

ich wünsch mer nur, ich kann bei dir
noch manchen katzefaule sommerdag versitze
im ahornschatte an deim mittagsgrüne bach
mit de chantal, de melanie, mit ainre
die i nimme waiß un nimme sieh
des sommermenschelebe spür bis in
d'fingernägelfußzehspitze

salut schtroßburg, bauremädle, hutzelweib
mit deine rieslingzitze

--- ---

flirt

sie guckt
ob i guck
aber i guck net

i guck
ob sie guckt
aber sie guckt net

aber irgendwie
habe mer
uns gucke g'seh

Kommentare:

Der Autor, Herausgeber und Kleinverleger hat gesagt…

Meinen herzlichen hinterländischen Glückwunsch, lieber Harald Hurst: Das sind zwei Gedichte, die es in sich haben, herrlich, herrlich. Das erste lese ich zudem so, als stünde es in der wunderbaren Tradition des Oswald von Wolkenstein, der sich nicht bloß über den Reim "Spitze - Zitze" mächtig freuen würde. Matthias: Ich danke Dir für eine feine Entdeckung, die ich heute in Deinem Blog mache.

stan lafleur hat gesagt…

die badische ausdrucksweise bietet einiges an plumpheit, das laeszt sich auch als badener kaum leugnen. andrerseits ist auf badisch mit seinen weichen endlauten und lustigen diminutiven zb eine sprachliche zaertlichkeit moeglich, die das hochdeutsche nicht bietet. zwei grosze gedichte vom herrn hurscht, danke fuers teilhaben lassen!

Julietta Fix hat gesagt…

Ein Mundartgedicht lesen ist eine seltsame Erfahrung. Es ist, als wäre man ein Kind, das gerade das Lesen lernt und den Worten noch mit jedem einzelnen Buchstaben gegenüber steht, weit weg von Sinn und Melodie. Man versucht es zunächst ganz einfach „zu verstehen“. So entwickelt sich ein vollkommen anders geartetes Interesse. Findet man hinein, kann es ein wahrer Genuss sein. Erschließen sich die Worte nicht, bleibt es ein leeres Gebilde, ein Aneinanderreihen von buchstabierten Worten.
„Salut Schtroßburg“ von Harald Hurst ist ein Gedicht wie ein Märchen, ein Idyll aus kulinarischem Genuss, Liebe zur Heimat und weichen, liebevollen Worten. Eine Entdeckungsreise, auf man „so manchen katzefaule dag sitze möcht“ bei einer „feierobendzigarett“.
„Flirt“ zeigt, dass man einen Moment schöner nicht ausdrücken kann, als so wie einem der Schnabel gewachsen ist. Salut und vielen Dank für die schönen Gedichte.