Freitag, 2. Januar 2009

Gedicht des Tages - Jan Wagner

Wenn ich einen Lyriker-Kollegen von Rang treffen will, zumal in meiner Generation, muss ich mindestens 50 Kilometer fahren. Nach Hausach in den Schwarzwald (José F. A. Oliver), nach Horb (Walle Sayer), Tübingen, Stuttgart etc. Und in Berlin? Da gibt es Dichter wie Sand am Meer. Hier, im südwestdeutschen Hinterland mit seinen sonnigen Weinbergen, kann man zwar Geld verdienen und ist gleich in den Alpen, aber das lyrische Zentrum ist anderswo.

Einer, der wie viele andere in den neunziger Jahren nach Berlin gezogen ist, ist Jan Wagner - ein Dichter, den ich schon lange lese. Gelegentlich haben wir ein paar Mails ausgetauscht, aber persönlich begegnet sind wir uns noch nie. Übrigens: Ich selbst war wirklich noch nie in Berlin! Obwohl es da eine ganze Reihe von Menschen gibt, die ich gerne treffen würde. Wenn ich alleine an die schöne Solveigh August denke, eine Schauspielerin, die vom Badischen Staatstheater in die Hauptstadt wechselte und die ich vor Jahren einmal interviewte... Von Kollegen wie Volker Kaminski einmal ganz abgesehen.

Ein Bild, das sich für immer ins Gedächtnis brennt, findet sich gleich zu Beginn des unveröffentlichten Gedichtes, welches mir Jan Wagner (hier gehts zum Poetenladen) zur Verfügung gestellt hat. Ich freue mich sehr und bin ein wenig stolz darauf, dass er die Reihe "Gedicht des Tages" 2009 eröffnet.



chamäleon


älter als der bischofsstab,
den es hinter sich herzieht, die krümme
des schwanzes. komm herunter, rufen wir
ihm zu auf seinem ast, während die zunge
als teleskop herausschnellt, es das sternbild
einer libelle frißt: ein astronom
mit einem blick am himmel und dem andern
am boden – so wahrt es den abstand
zu beiden. die augenkuppeln, mit schuppen
gepanzert, eine festung, hinter der
nur die pupille sich bewegt, ein nervöses
flackern hinter der schießscharte (manchmal
findet man seine haut wie einen leeren
stützpunkt, eine längst geräumte these).
komm herunter, rufen wir. doch es regt
sich nicht, verschwindet langsam zwischen
den farben. es versteckt sich in der welt.

Keine Kommentare: