Dienstag, 13. Januar 2009

Gedicht des Tages - Karin Fellner

Wieviel Gegenwart verträgt das Gedicht? Wieviel Zeitgeist verträgt Zeitlosigkeit, wieviel Zeitgebundenheit? Dem Titel meines Gedichtes "Drahtamseln" musste ich eine Fußnote beifügen, weil allenfalls die Generation der heute 60- bis 80-Jährigen noch weiß, was sich hinter dem metallenen Gefieder verbirgt, doch dank der Amseln und der Anspielung auf Biermanns "Drahtharfe", funktioniert das Gedicht auch ohne Fußnote. Bilde ich mir jedenfalls ein.
Dürfen Gedichte zeitlos sein? Darf jede Gegenwart eliminiert werden wie etwa bei den Gedichten von Christine Langer? Ein Leser - er lebt, glaube ich mich zu erinnern, in der Kölner Südstadt - warf mir einmal vor, keinen Blick für die Realitäten zu haben, da ich zu sehr vom Wohlstand verwöhnt sei. Nun, das ist meine Realität. Für das Leben in der Kölner Südstadt sind andere Dichter zuständig.
Ein "Funkloch" hat heute eine andere Bedeutung als noch vor zehn Jahren, der Begriff "Scannen" hat sich erweitert. Früher wurde das gescannt, was heute die Digitalkamera ablichtet, wer durch die Innenstadt flaniert, "scannt" seine Umgebung.
Es fällt mir zunehmend schwer, mich theoretisch über Gedichte zu äußern. Mir fallen nur Fragen ein, keine Antworten. Und so verfolge ich vergnügt, verstört, verwundert die poetologischen Diskussionen im "Poetenladen" oder in "Bella Triste".
Nun schickt mir Karin Fellner (hier gehts zum Poetenladen) ein unveröffentlichtes Gedicht, das auch von der "Wiederherstellung/ staatlicher Zuwendung" spricht. M.E. schafft es die Münchner Autorin in ihren Gedichten behutsam (und in diesem Fall ironisch) Gegenwart so einzubinden, dass sie der Zukunft standhält.


die glocken: neue verstörung
läuten den tag ein bis
ich und ich sich erheben
zum halleluja der wecker

flattert das geld aus antennen
alle scheine verfliegen
ein paar anzugmänner
nagen borke im stadtpark

noch liegen ich und ich
auf daunen im raunen der
nachrichten fließt wasser
in die gespurten gehirne

sorgenwäsche termine
versagensdreck die neuen
korrespondenten schneiden
fußnägel während ich

und ich im glauben bleiben
an tv-beschwörung
an wiederherstellung
staatlicher zuwendung



Karin Fellners Gedichtband "In belichteten Wänden" beimYedermann-Verlag.

Karin Fellner bei der Münchner Autorengruppe Reimfrei.

1 Kommentar:

Inka Neumann hat gesagt…

Sehr schönes Gedicht. Vielen Dank.

Liebe Grüsse,

René