Donnerstag, 15. Januar 2009

Gedicht des Tages - Nico Bleutge

Er habe im Moment keine neuen Gedichte, die er mir für mein Blog überlassen könne, sagte mir gestern Nico Bleutge, ihn ziehe es im Augenblick zur Prosa. Gestern stellte er seinen Gedichtband "Fallstreifen" in der Karlsruher Hochschule für Gestaltung vor - meine Rezension poste ich dieser Tage. Das Wetter war schmuddelig, wenige Besucher verloren sich im Vortragssaal des ZKM. Bei Rotwein, Baguette und Käse plauderten wir hinterher über die Szene, über die Gedichte von Kollegen und die Arbeit als Kritiker. Immer wieder finde ich es erstaunlich, dass sich Vielleser schnell auf die gleichen Namen verständigen, dass sich schnell ein Konsens einstellt, was literarische Qualität betrifft. Interessant auch, dass Nico viele meiner Erfahrungen in der "Szene" bestätigte. Kürzlich monierte ich etwa die Qualität der Lyrik-Kritik im großen Feuilleton (siehe hier). Kein Wunder, bekommen doch die freien Mitarbeiter zunehmend die Honorare gekürzt, was etwa auch für die ehrwürdige NZZ gilt. Und so ist es nicht weiter erstaunlich, dass sich auch einer der angesagtesten Lyriker der jungen Generation (was Nico Bleutge nun einmal ist) im Internet oder bei Theo Breuer orientiert. Übrigens ist Nico Bleutge gerade dabei, Baden-Württemberg zu verlassen. Den gebürtigen Münchner zieht es nach Berlin. Wieder ein Dichter von Rang weniger im Land der Dichter und Denker, das immer mehr zum Ländle der Dichter und Denker wird.

Da Nico Bleugte im Augenblick kein unveröffentlichtes Gedicht hat, poste ich eines aus seinem Band "Fallstreifen", das wunderbar zur Jahreszeit passt, eine Art Wintergedicht:


eingerollt hat sich der tag, der erste
der richtig hell wurde, jetzt
liegen flächen im dunkel und die häuser
halten den schnee

die erinnerung einzuholen
jenseits der weißen dachkanten
stimmen, geräusche
aus dem hintergrund
der geschichten, die kurz
in der dämmerung aufleuchten

kahl sind die flächen, kaum sichtbar
unter der luft
die ränder verschieben sich täglich


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