Samstag, 17. Januar 2009

Lesung Nico Bleutge in Karlsruhe

Gestern in den Badischen Neuesten Nachrichten:

Als „konzentrierte Euphorie“ bezeichnet Nico Bleutge den Prozess des Gedichteschreibens. Nun stellte der Tübinger Lyriker und Rezensent seinen neuen, zweiten Gedichtband „Fallstreifen“ in der Hochschule für Gestaltung vor. Einen Teil der Lesung bildeten „Erinnerungstexte“, oft kühl kalkulierte Gedichte, in denen der 36-Jährige fragt, „ob die Bilder und Sequenzen im Bewusstseinssystem etwas über unsere Vergangenheit aussagen“ - so der Autor im Gespräch. Da ist etwa ein Porträtgedicht, das beginnt mit „an hände denken, an das netz/ derweil die schwester, unbesprochen,/ ins nebenzimmer geht, die stille, fremder/ atem durch die wand, der sonntagstee,/ der auf dem tisch schon auskühlt“. Lange Schleifen zieht das Gedicht, am Ende nimmt das Gesicht „nicht farbe an“ - Erinnerung bleibt sequenz-, ja teilchenhaft.
Landschaftsgedichte, wohlgemerkt keine Naturgedichte, umfassen einen zweiten Teil des Bandes des viel gelobten Autors; ihn interessiere das Wechselspiel zwischen dem der wahrnimmt, den Dingen und der Sprache. So arbeitet er sich an den Oberflächen der Dinge, also dem, was wahrgenommen werden kann, entlang und folgerichtig hei゚t es in einem Gedicht: „erst das Schauen entdeckt die Bewegung.“
Knapper und konzentrierter als die meisten der bisherigen Gedichte Bleutges mit ihren teils melodisch eleganten, teils zähen Langzeilen sind kleine Tierskizzen – auch sie demonstrieren das Verhältnis zwischen Ereignis und Wahrnehmung: „...zwei/ junge hasen aus dem Deichholz brechen/ wegbrettern nur noch, stäubchen/ das trommeln der pfoten/ richtung strand.
Gedichte anderer Autoren, „fremdes Textmaterial“ jeder Art, montiert der sehr belesene Literaturstipendiat des Landes Baden-Württemberg teils bewusst, teils unbewusst. Besonders deutlich wird das bei jenen Gedichten, die während eines Aufenthalts auf der Sylt entstandenen sind und die sich mit der Weltkriegsvergangenheit der Insel auseinandersetzen. Bleutge arbeitet mit Tagebuchzitaten und blendet historische Stimmen ein, etwa von einer Malerin: „...schaut/ nur genau, wie sich die möwen jagen/ übers kliff, die bunte dünenerbse/ und das eierfuchsen...“
Während die Gedichte seines ersten Bandes noch wie aus einem Guss erscheinen, experimentiert Bleugte in „Fallstreifen“ mehr, versucht sich fortzuentwickeln. Etwas monoton ist sein Vortrag gelegentlich, was jedoch die angenehme Stimme Bleutges mehr als wettmacht. maske


Was mir mein Redakteur sofort streichen würde, kann ich im Blog schreiben:
Außer ein paar Studenten der Hochschule für Gestaltung (HfG), meiner Frau und mir, waren keine Besucher bei der Lesung von Nico. Was nicht nur am Schneefall lag, sondern auch an der Tatsache, dass man es bei dieser Veranstaltungsreihe noch nie für nötig hielt, etwa mit dem weitaus erfahreneren Literaturhaus zu kooperieren. Der Veranstalter betreibt ausschließlich "Name-Dropping". Ich erinnere mich an eine Rheinschifffahrt mit hippen Bellatriste-Autoren an einem Samstag-Nachmittag. Meine Frau und ich zogen es bei blendendem Wetter vor, im Schwarzwald zu wandern, trotz der für mich einmaligen Gelegenheit, auf diese Weise mit den Redakteuren ins Gespräch zu kommen.
Der Moderator und Lehrbeauftragte für Literatur an der HfG sowie Verfasser reichlich mittelprächtiger Lyrik, Stephan Krass, brillierte durch Wikipedia-Wissen und Gemeinplätzen zum Thema Lyrik - armer Nico Bleutge. Er ließ sich nichts anmerken. Wieder einmal wurden - leider, mir persönlich kann es ja wurscht sein - alle meine Vorurteile in Sachen HfG und ZKM bestätigt: Der Kaiser hat zwar sehr viel Geld, ist aber leider nackt.

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