Mittwoch, 25. Februar 2009

Einstellung des Jahrbuchs der Lyrik

Der folgende Beitrag antwortet auf die Tatsache, dass der S. Fischer Verlag das Jahrbuch der Lyrik einstellt und auf den Eintrag Nr. 104 von heute in der Lyrikzeitung von Axel Kutsch:

Als ich heute Morgen meine Belegexemplare des Lyrikjahrbuchs samt Begleitbrief aus dem Briefkasten fischte, war ich zunächst entsetzt. Nach all dem, was ich in den letzten Monaten über Verkaufszahlen gehört habe, wundert mich es nicht, dass der S. Fischer Verlag das Jahrbuch einstellt. Selbst nach Besprechungen im sogenannten großen Feuilleton werden im günstigsten Fall 15 Exemplare eines Gedichtbandes verkauft, im Falle des Jahrbuchs werden ein paar Bücher mehr über den Ladentisch gegangen sein. Bei Thalia jedenfalls liegen verschämt ein paar Exemplare neben dem "Großen Conrady".
Die Einstellung des Jahrbuchs ist auch die konsequente Folge der Verlagerung der Lyrik und Lyrikdebatte ins Internet. Wir Autoren tragen selbst dazu bei. Mea culpa. Ich habe selten zuvor so viel Aufmerksamkeit erlangt, wie durch mein Blog.
Was an interessanten Entwicklungen im Bereich der Lyrik in den letzten Jahren geschehen ist, hat außerdem nicht in Verlagen wie S. Fischer stattgefunden, die wichtigen Lyrikbände sind fast ausnahmslos in kleinen Verlagen erschienen. Siehe Vorwort im "Großen Conrady". Apropos:
Lieber Axel Kutsch: Für mich, der ich seit über 20 Jahren im "Geschäft" bin, gibt es ebenfalls nur eine Konsequenz: Übernehmen Sie! Und im nächsten Jahr (so stelle ich mir das vor), könnten Sie zusammen mit Theo Breuer eine Dekaden-Anthologie machen. Best of 2000 bis 2010. Ich für meinen Teil bin jedenfalls ein eifriger Leser und Käufer solcher Sammlungen.

Kommentare:

LitTalk hat gesagt…

Was Lyrik betrifft, so habe ich mich damit abgefunden, dass ich diese über das Internet (mit meinem Blog) Lesungen und Kleinverlagen verbreite. Die ISBN-Nummer als Werkzeug für den Buchvertrieb ist für mich obsolet geworden. Die Verlage, der Buchhandel und der gemeine Verbraucher (Romanleser) gehen ihren Weg; ich gehe den meinen, wissend um die relativ kleine (eingeschworene)Lyrikgesellschaft.

Tasso J. Martens

Walther hat gesagt…

Was soll man das sagen? Wenig. Ich bin selbst eifriger Lyrikleser und -rezensent. Daneben schreibe ich auch.

Leider ist im deutschen Sprachraum die Lyrik nichts wert - im Sinne von: verkäuflich. Das liegt daran, daß wir unsere Dichter nicht wirklich "schätzen". Das führt dazu, daß nur wenige AutorInnen von ihren Werken leben können - vielleicht ein halbes Dutzend.

Es blüht der Absatz der Klassik und ihrer vervielfältigten Wiederverwertung. Also gibt es auch einen Markt für Lyrik. Nur die neue, die heutige, findet dort nicht statt.

Das liegt, wie ich meine, sicher auch an der Umwelt, in der Lyrik entsteht und rezipiert wird. Aber, das glaube ich wohl, es liegt auch an uns, den AutorInnen. Wir müssen uns schon fragen, ob das, was wir schreiben, für's Lesen taugt, und zwar für das, was über die engsten Zirkel hinausreicht.

Walther (Werner Theis)

Julietta Fix hat gesagt…

Anspruchsvolle Online Formate für Lyrik sind die „Gewinner“ im bitteren Sumpf der in Deutschland veröffentlichten Gedichte. Wer gewinnt? Der Leser natürlich, denn die Leser sind und bleiben der Grund dafür, dass Lyrik geschrieben wird, auch wenn viele Autoren dies weit von sich weisen.
S. Fischer stellt das Jahrbuch der Lyrik ein. Ein für mich vollkommen nachvollziehbarer Schritt, für einen Verlag, der seine Autoren bezahlt, eine Vertriebs – und Marketingmaschine finanziert und somit in erster Linie von Verkaufszahlen abhängig ist. Hinzu kommt, dass man S. Fischer weiß Gott verlegerischen Mut nicht absprechen kann, wenn auch nicht unbedingt im Bereich Lyrik. Aber einem zementiertem Nichterfolg ist mit verlegerischem Mut auf Dauer nicht beizukommen. Auch vollkommen nachvollziehbar.
Lyrik ist in Deutschland eine Nische und wird es wohl auch bleiben. Allen Verlagen, die sich auf diese Nische konzentrieren und Veröffentlichungen wagen, zolle ich Respekt. Trotzdem würde ich mir wünschen, genauer hinzusehen. Denn viele dieser Herausgeber veröffentlichen zwar immer wieder sehr gute Lyrikbände, leisten aber selten die damit einhergehende Verlagsarbeit. Das beginnt bereits damit, dass die Rechte an Texten in den meisten Fällen bei den Autoren bleiben. Scheint positiv im ersten Moment, weist aber letztlich daraufhin, dass der „Verlag“ nicht wirklich an seinem Autor interessiert ist und eine Verbreitung seiner Texte nicht ernsthaft in Erwägung zieht. Kann er auch gar nicht. Denn das würde bedeuten, eine Vertriebsschiene aufzubauen, Vertreterreisen zu organisieren, Listung in den Barsortimenten vorzunehmen, Werbung, Marketing, Messen, Logistikkonzepte zu entwickeln etc. - kurzum Verlagsarbeit zu leisten. Das wiederum heißt ganz einfach: ein Unternehmen zu gründen, in dem es nicht nur ästhetische Gesichtspunkte geht, sondern in dem wirtschaftliche und konzeptionelle Fakten eine tragende Rolle spielen müssen.
Dass sich immer mehr etablierte Verlage von der Lyrik verabschieden, sehe ich als große Chance für die kritisch beäugten Online Formate. Die große Frage ist, wie sich diese Formate aus der rein ehrenamtlichen unbezahlten Arbeit ihrer Gründer, Mitarbeiter und Autoren befreien können. Denn auch Online Formate machen – viele übersehen das – Unmengen Arbeit, die irgendwie von irgendwem geleistet sein muß. Ich habe www.fixpoetry.com vor knapp zwei Jahren gegründet und bin nach einigen Anfängerfehlern mittlerweile inhaltlich gut aufgestellt. Unsere website verzeichnet ständig steigende Besucherzahlen, wächst mit anspruchsvollem Content und zählt zur Zeit weit über 3000 Abonnenten des poetryletters, eines wöchentlich erscheinenden illustrierten Gedichts. Unsere ersten Printpublikationen, die nach kurzer Zeit bereits in die zweite Auflage gingen, erfreuen sich starker Nachfrage. Ein Verlag sind wir deshalb noch lange nicht, wollen wir auch nicht werden.
Wir haben eine Vision. Die Vorteile des Internets, die schnelle Verbreitung von Inhalt zu nutzen, und Autoren eine Plattform zu bieten, auf der sie von möglichst vielen Lesern erreicht werden. Dafür arbeiten wir. Gehaltslisten sind uns fremd, aber wir arbeiten daran, dass sich diese Arbeit und die Arbeit unserer Autoren bezahlt macht.
Julietta Fix
Herausgeberin (fixpoetry.com)