Donnerstag, 12. Februar 2009

Gedicht des Tages - Hellmuth Opitz

"Liest Du mir noch ein Gedicht von Hellmuth Opitz vor?" Das ist im Augenblick die allabendliche Frage meiner Frau. Ein schöneres Kompliment kann man einem Dichter wohl nicht machen. Hellmuth Opitz gehört seit langem zu meinen Lieblingsdichtern, obwohl er (im Vergleich zu meinen eigenen Gedichten) geradezu verschwenderisch mit Wörtern ist und dionysisch aus dem Vollen schöpft. Seit ich sein "VierMinutenMai" vor Jahren im "Jahrbuch der Lyrik" gelesen habe (ein perfektes Gedicht!), gehört Opitz zu den Lyrikern, nach denen ich in Anthologien immer zuerst schaue.
Ich behaupte ja, dass diejenigen Dichter und Gedichte bleiben werden, die "man" gerne liest, durch deren Texte man sich nicht kämpfen muss. Viele Sprachexperimente bleiben Experimente ohne poetischen Mehrwert. Beim Stöbern im "Großen Conrady" (in dem Hellmuth Opitz natürlich auch vertreten ist) scheint sich diese Meinung zu bestätigen. Opitz' Gedichte sind wahrscheinlich geprägt von der Lyrik der 70er-Jahre. Doch sie sind in ihrem narrativen Gestus in der Gegenwart mit all ihren Mißlichkeiten und Schönheiten angesiedelt.
Apropos Gegenwart: Wunderbar passt das unveröffentlichte Gedicht "Der lange Winter", das er mir überlassen hat. Gestern am späten Nachmittag hörte ich von unserem Balkon (4. OG, Südseite, Blick tief in den Nordschwarzwald) die erste Amsel.


Der lange Winter
überzog den Kredit des Aprils
mit weißen Spannbettlaken
Schneeschauer um Schneeschauer
abgebucht von der Geduld
des Frühjahrs und wir
tief in den blauen Zahlen
des Thermometers schauten auf
zum Himmel wo die
Schönschrift der Schwäne
immer mehr an Linie verlor
und nach Süden hin verschmierte
selbst die Liebespaare für die es
eigentlich höchste Zeit war
standen verwirrt an den Haltestellen
die Hände in den Taschen
des jeweils andern erschwert
vom Frost die Forschungsarbeiten
vierzehnjähriger Zungen und
wenn wir nur dicht genug
vorbeigingen konnten
wir es hören: dieses Tickern
der in ihrem Innern wie irre
kreiselnden Kompassnadeln.



Infos:
Website Hellmuth Opitz
Hellmuth Opitz bei Fixpoetry

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