Mittwoch, 18. Februar 2009

Hundenovelle

Ein abgemagerter Mischling
Rezension zu Marion Poschmanns wunderbarer "Hundenovelle" (im "Badischen Tagblatt" am 1. April 2009)

Am liebsten schreiben Verlage unter den Titel eines Buches „Roman“. Jede aufgeblasene Erzählung wird als solcher verkauft. „Novelle“ hingegen klingt nach Schullektüre, nach „Dingsymbol“, nach strenger literarischer Form. Eine „Hundenovelle“ hat Marion Poschmann nun geschrieben - keinen Roman. Tatsächlich sind ihr dabei einige Kunststücke und gar kein langweiliges Buch gelungen.
Der Erzählerin läuft ein Hund zu. Ein ziemlich abgemagerter Mischling, den sie partout nicht mehr los wird, nicht einmal das Tierheim nimmt den Hund. Das Tier hat Läuse und benimmt sich wie ein durchschnittlicher Hund, will also ausgeführt werden, gefüttert und versorgt werden sowie Stöckchen apportieren und benötigt einen Haarschnitt im Hundesalon.
Marion Poschmann erzählt beiläufig die Geschichte einer Frau, deren Leben durch den Hund eine Wendung nimmt. Nach dem Tod ihrer krebskranken Mutter ist sie nämlich aus dem „normalen“ Berufsleben herausgefallen. „Ich wollte mich von allem abkehren, eine Art äußerstes Alleinsein erreichen. Eine asketische Relativierung von Zeit, Raum, Logik.“ Sie streunt durch Industriebrachen und Landschaften voller Gestrüpp und nimmt amüsiert-entnervt und zugleich distanziert den Alltagstrubel, etwa im Hundesalon wahr. Sie flaniert durch einen heißen Sommer und verliert sich im Dasein.
Mit „Grund zu Schafen“ hat Marion Poschmann vor einiger Zeit einen der interessantesten Lyrikbände der letzten Jahren geschrieben. Der Hundenovelle merkt man die Lyrikerin an. Detailversessen und höchst originell, was die Erzählerin wahrnimmt: „Mücken schwärmten, waren in grob gepixelten Wolken der Wiese entstiegen“, „Spitzwegerich stichelte durch den Asphalt“. Gleichgültig jedoch bleibt die Erzählerin gegenüber allem – bis eben der Hund in ihr Leben tritt und Marion Poschmann zeitweise von einem ganz normalen Leben eines ganz banalen Hundebesitzers berichtet und dies parodiert. Spannend ist das nicht immer, aber komisch, schließlich versteckt sich nicht jeder im Unterholz und lockt mit Hundefutter wildfremde Hunde an. Am Ende ist das Dingsymbol tot, die Geschichte dort, wo sie begonnen hat und eine stringend gebaute Novelle schließt reichlich ironisch, in dem die 1969 geborene Autorin auch noch eine kosmische Dimension eröffnet. Matthias Kehle

Marion Poschmann: Hundenovelle. Frankfurter Verlagsanstalt, 126 Seiten. 17,80 Euro. ISBN 978-3-627-00149-0

1 Kommentar:

Sabine Reber hat gesagt…

Kluge Rezension zu einem sehr schönen Buch!