Mittwoch, 4. Februar 2009

Landespreis an die Edition Urs Engeler

Verleihung des Landespreises Baden-Württemberg an den Verlag Urs Engeler im Karlsruher Literaturhaus

Verse wie diese finden nur ein recht kleines, erlesenes Publikum: „anhang kündigt sich minimal an, finale form/von dings zu komm, zeug wie die zeigefreien/sätze der ahnen sie nie: experimentiellen philologie“ Es stehen noch weitaus schwerer deutbare, rätselhaftere Satzgebilde in den Gedichtbänden „fachsprachen I-IX“ und „fachsprachen X-XVIII“ von Ulf Stolterfoht. Erschienen sind sie im kleinen, aber feinen Verlag Urs Engeler Editor aus Weil am Rhein. Dessen bislang größter Verkaufserfolg ist mit etwa 2500 verkauften Exemplaren Stolterfohts 2007 erschienenes Langpoem „holzrauch über heslach“(2007), das der Peter-Huchel-Preisträger selbst im vergangenen Jahr im Literaturhaus in Prinz-Max-Palais vorstellte. Im Literaturhaus im Prinz-Max-Palais wird am Donnerstag um 17.30 Uhr (!) dem exquisiten, auf avancierte Lyrik spezialisierten Verlag der Landespreis Baden-Württemberg für literarisch ambitionierte kleinere Verlage verliehen. Die Jury würdigt mit dem Preis, der mit 12 500 Euro dotiert ist, „die hohe literarische Qualität, die ausgezeichnete Gestaltung der Bücher und die konstante Autorenförderung“. Der aus Winterthur stammende Urs Engeler (Jahrgang 1962), der schon als Germanistikstudent die Lyrikzeitschrift „Zwischen den Zeilen“ ins Leben rief, hat mittlerweile über sechzig Autoren aus dem deutschsprachigen Raum, aus Frankreich, Italien, Rumänien und den USA unter seinen Fittichen. Auf der Autorenliste stehen neben zeitgenössischen deutschsprachigen Schriftstellern wie Urs Allemann, Elke Erb, Felix Philipp Ingold, Bert Papenfuß und Oskar Pastior auch Klassiker wie Anna Achmatova, E.E. Cummings, Emily Dickinson, Wladimir Majakowski und Arthur Rimbaud, die Engeler neu übersetzen ließ. Ermöglicht werden die Projekte des Literaturenthusiasten durch einen im Stillen wirkenden Mäzen, einen Stuttgarter Zahnarzt mit einem Faible für Lyrik. Gewinne sind mit den Büchern kaum zu machen, darüber macht sich der Verleger keine Illusionen:„Ich wünsche mir zwar, dass Literatur von allen gelesen werden kann, und tatsächlich erreichen meine Bücher auch immer mehr Leute, aber es bleibt wohl doch bei der etwas schmaleren Öffentlichkeit einer an Sprache, Kunst und Sprach- und Lebenskunst interessierten Leserschaft.“ Über einen Mangel an offizieller Anerkennung kann sich das Ein-Mann-Unternehmen nicht beklagen. Engeler, der seit 1997 auch „Compact-Bücher“, schön gestaltete Bücher mit beigelegten CDs, herausgibt, hat u.a, bereits den Deutschen Hörbuchpreis und vor zwei Jahren den Förderpreis der Kurt-Wolff-Stiftung erhalten. In seiner Laudatio sagte der Kulturwissenschaftler Klaus Theleweit: „Lyrik ist eine Antriebskraft für das Schalten neuer Hirnverschaltungen. Man betritt das Fremde, um sich ihm anzuverwandeln,. Engeler ist ein Scout in diese Fremde.“ Zu den Entdeckungen des Literaturscouts Urs Engeler gehört der Österreicher Michael Donhauser, der für sein lyrisches Werk mehrere Preise erhalten hat, darunter den Ernst-Jandl-Preis. Im letzten Jahr legte er allerdings einen Band mit Erzählungen über seine Kindheit in liechtensteinischen Vaduz vor, der die Literaturkritik nicht weniger entzückte als seine Lyrik. Donhauser sorgt für den literarischen Teil des Abends, der musikalisch von Frieder Egri umrahmt wird. Die Auszeichnung wird überreicht durch Staatssekretär Dr. Dietrich Birk vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Gäste sind willkommen. Der Eintritt ist frei.
Peter Kohl

(Badische Neueste Nachrichten, 4. Februar 2009, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors)

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