Freitag, 13. Februar 2009

Nicht oder anders - Gedichte von Wolfram Menzel

Ein ganz schmales Werk hat er geschrieben und ist nach 15 Jahren als Dichter verstummt. Entstanden sind die Gedichte in den Jahren 1953 bis 1968, erschienen sind sie damals in renommierten Zeitschriften und Anthologien beim Suhrkamp- oder beim Hanser-Verlag. Die Rede ist von Wolfram Menzel, geboren 1933 und seit 2001 Emeritus des Lehrstuhls für Theoretische Informatik der Universität Karlsruhe. Nun hat der Mitteldeutsche Verlag die Lyrik Menzels in dem Band „nicht oder anders“ versammelt. In der deutschen Literatur ist eine vergleichbar rätselhafte, synkopische und zugleich offene Lyrik kaum zu finden. Während Menzeln sich anfangs noch vage an einer hermetischen Naturlyrik orientiert („Bittere Frucht im Munde/ atmen die Brunnen anders./ Raste Winde sparen/ Blut von der Wunde./...) dominieren später winzige Fragmente, einzelne, losgelöste Worte, die willkürlich angeordnet über das Papier verteilt erscheinen und im Druckbild einer Zeitung nicht wiedergegeben werden können: „mund die naht, between/ my/ leichten von/feuer//mün-/ze/ leiser salziger fünfundsand// (klinke).“
Einer klassischen Interpretation verschießen sich die Gedichte, darauf weist auch das Nachwort des Germanisten Benno Schubert hin. Als Leser muss man sich einlassen auf das Druckbild, auf den Klang der Worte und auf die ureigenen Assoziationen – was dann für Unkundige unmöglich wird, wenn Menzel griechische Vokabeln einstreut. Versteckte Anspielungen, etwa auf Sappho, sind nur dank der Erläuterungen zu verstehen.
In der Glanzzeit der experimentellen Lyrik der so genannten Stuttgarter Schule um Max Bense und Helmut Heißenbüttel war Menzel in den 60er-Jahren aktiv. Während einer Lesung im Jahr 2007 allerdings distanzierte sich der Emeritus von deren Sprachexperimenten, vielmehr seien seine Gedichte vergleichbar mit "atonalen Kurzkompositionen".
Die Literaturgeschichte ging über derartige Lyrik hinweg. In den 70er-Jahren orientierten sich die Dichter zusehends an einer „verständlicheren“ Alltagssprache. Das mag jedoch nicht der Grund sein, weshalb der Lyriker Wolfram Menzel verstummt ist. Vielmehr ist der Grund des Schweigens in den Texten selbst zu finden. Eine konsequente Fortführung der Menzel'schen Poetologie muss dahin führen. Das letzte Gedicht des Bandes ist ein Elfsilber. Auf eine griechische Vokabel folgen drei Zeilen: „grotte/ rechen . Den/ stock und mund, kreide“. Benno Schubert notiert über das Gedicht im Nachwort: „für mich eines der allerschönsten – vielleicht gelänge es, zu sagen, warum.“ Matthias Kehle

Wolfram Menzel: Nicht oder anders. Gedichte. Mit einem Nachwort von Benno Schubert. Mitteldeutscher Verlag, 112 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-89812-578-9


Link zum Mitteldeutschen Verlag

Rezension von Frank Milautzcki

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