Samstag, 14. Februar 2009

Porträt Hansgeorg Schmidt-Bergmann


Die Avantgarde als roter Faden
(Badische Neueste Nachrichten, 20. Januar 2009)


Die interessierte Öffentlichkeit kennt ihn als Vorsitzenden der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe, der mitgliederstärksten Literaturvereinigung in Mitteleuropa. Doch auch als Germanist braucht Hansgeorg Schmidt-Bergmann sein Licht nicht unter den Scheffel(bund) stellen. Leidenschaftlicher Leser war er schon als Kind, "ich liebte Jim Knopf mit all seinen Insel-Sehnsüchten", erzählt er, als 13-Jähriger las er bereits "Die Blechtrommel". Prägend war ein strenger, konservativer Deutschlehrer, der ihm moderne Klassiker wie Brecht und Dürrenmatt nahe brachte, aber auch damit konfrontierte, dass Literatur und Wahrnehmungskraft zusammen hängen. Die Frage, "was Kunst, was Literatur in Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung leisten kann", ist heute noch einer seiner Antriebe.
Studiert hat der 1956 in Bad Oldesloe geborene Wissenschaftler in Marburg und Frankfurt Germanistik, Politik und Philosophie bei Gert Mattenklott. Geprägt war sein Studium von der kritischen Hermeneutik, welche die Künste in gesellschaftliche Zusammenhänge stellt und von der Frankfurter Schule um Adorno und Habermas in die wissenschaftliche Diskussion gebracht wurde. Ursprünglich wollte Schmidt-Bergmann Deutschlehrer werden. "Das hätte mich aber in der Rezeption von Literatur zu sehr eingeengt." Mit einem Promotionsstipendium schloss er 1983 seine Doktorarbeit zu dem österreichischen Dichter Nikolaus Lenau ab. Für kurze Zeit ging er nach Bari in Italien und wurde Lektor für deutsche Sprache und Literatur. "Mit Italien hat mich schon immer die typisch deutsche Wahlverwandtschaft verbunden", sagt er und erinnert sich an seine Kindheit, den ersten italienischen Eismann und die erste Pizzeria in seinem Heimatort.
1984 wurde er aufgefordert, sich für die Stelle eines Hochschulassistenten in Karlsruhe zu bewerben. Neben Forschung und Lehre habilitierte er sich hier in den nächsten sechs Jahren. Er untersuchte den Einfluss des italienischen Futurismus auf die Anfänge der literarischen Avantgarde in Deutschland. Das Thema ließ ihn nicht mehr los – gerade ist sein Standardwerk "Futurismus: Geschichte, Ästhetik, Dokumente" bei Rowohlt neu erscheinen.
Schmidt-Bergmanns Publikationsliste ist lang. Bei Suhrkamp und Insel editierte er Werke von Hofmannsthal, Wedekind, Schnitzler oder Rilke. "Rilke hat mit dem Malte Laurids Brigge den ersten Roman über Großstadtwahrnehmungen geschrieben, noch weit vor Döblin", fasst er dessen Leistung zusammen, bei der Lyrik schätzt er Rilkes Formbewusstsein. Darüber hinaus war er fünfzehn Jahre lang verantwortlicher Redakteur der "Blätter der Rilke-Gesellschaft" und in deren Vorstand.
Die jeweilige literarische Avantgarde zieht sich wie ein roter Faden durch die Publikationen des Karlsruher Germanistik-Professors, als ein Standardwerk gilt auch der bei Reclam erschienene Band "Die Lyrik des Expressionismus" aus dem Jahr 2003.
Die wissenschaftliche Publikationstätigkeit nahm 1993 noch an Umfang zu, als Hansgeorg Schmidt-Bergmann zum Vorsitzenden der Literarischen Gesellschaft gewählt wurde - die Vielfalt der Themen ebenso. "Literatur und Internet" gehören ebenso dazu wie Blicke über den literarischen Tellerrand, 2005 erschien beispielsweise der Band "Karlsruhe. Architektur im Blick." In Anthologien stellte Schmidt-Bergmann erstmals badische Exilautoren vor und zeigte, dass Johann Victor von Scheffel zeitweise ein politisch engagierter Autor war - "die Thesen sind von den gängigen Literaturlexika aufgenommen worden", bilanziert er. Dem Wahl-Badener liegt inzwischen gerade die Literatur im Ländle am Herzen, vor allem junge Literatur, wie diverse von ihm herausgegebene oder initiierte Anthologien zeigen. Gewitzt und streitlustig ist er im Gespräch, die Streitlust erwacht immer dann, wenn es um Literaturvermittlung und -förderung geht. Als Herausgeber der Literaturzeitschrift "Allmende" musste er kürzlich Kritik einstecken, weil er es wagte, junge Schriftsteller zu publizieren, deren Talent noch in den Kinderschuhen steckt. Inzwischen gestaltet Hansgeorg Schmidt-Bergmann das literarische Leben im Südwesten des deutschen Sprachraums prägend mit. Er ist Mitglied verschiedener Jurys des Landes und entscheidet unter anderem bei der Vergabe des Schiller- und des Hebelpreises.
Derzeit arbeit Schmidt-Bergmann zusammen mit Jan Knopf und Franz Littmann an der ersten Gesamtausgabe der Werke von Johann-Peter Hebel seit 1836. Sie wird viele bislang unveröffentlichte Texte enthalten und das Bild des badischen Dichters wahrscheinlich gründlich verändern. "Lebenszeit ist flüchtig, was bleibt sind die großen Werke. Sie für kommende Generationen lebendig zu halten ist nicht nur Verpflichtung, sondern heiterer Umgang mit der Tradition", schrieb Hansgeorg Schmidt-Bergmann kürzlich in einem eher persönlichen Aufsatz - es kann als Programm seines Lebens gelten. Matthias Kehle

Foto: (c) Kirsten Bohlig

1 Kommentar:

Christophe hat gesagt…

Freue mich sehr aufs Kennenlernen!