Donnerstag, 26. Februar 2009

Walle Sayer - Kerngehäuse


Kaum auf dem Markt, rezensierte die "Stuttgarter Zeitung" gestern Walle Sayers Aufzeichnungen und Prosagedichte: "Kerngehäuse - Eine Innenansicht des Wesentlichen":

Nicht die Hochkultur und ihre Haupt- und Staatsaktionen stehen im Zentrum dieser vom Autor "Aufzeichnungen, Prosagedichte" genannten kurzen Texte, sondern die karge Welt dazwischen, die flüchtigen, vergessenen Ereignisse am Wegrand der großen Geschichte (...)
(Sayer versucht) mit unbeirrbarer Konsequenz, dem dörflichen Milieu seiner Herkunftswelt ein literarisches Denkmal zu setzen (...) Wer unter Dorfpoesie allerdings die Verklärung des Landlebens zur idyllischen Kontrastwelt gegenüber der bösen Großstadt erwartet, ist bei Sayer an der falschen Adresse. Denn seine Dörfler sind lauter Verlierer der Geschichte, die sich freilich bei allen krummen Wegen ihrer Biografien Eigensinn und Würde bewahrt haben.
Sayers Kosmos ist bevölkert von Ministranten, die in der Frühmesse gähnen, und Pennälern, die im Schulbus "nichtgemachte Hausaufgaben" abschreiben, von Landfrauen, die beim Kaffeekränzchen dem "Unauffindbaren" in ihrem Ehealltag nachsinnen, und Stammtischrunden, für die es "noch zu spät" ist, "um jetzt schon heimzugehen".
Mit unbestechlichem, aber unsentimentalem Blick sammelt Sayer, was von dieser ländlichen Welt seiner Kindheit noch übrig ist: aussterbende Handwerksberufe, verlorene Träume der Jugend, das "Sammelsurium" der kleinen, unbedeutenden Dinge, die zu Reliquien einer versunkenen Zeit geworden sind. Und er sammelt Wörter aus dem Dialekt seiner Heimat: davongefußelt, Fangerlesspiel, kasperig, verzuttelt, Erdbollen, Gockeler, verseckeln, schucklig. Wenn diese Dialektwörter dann auf Fremdwörter wie "heruntergedimmt" oder "fokussiert" treffen, ergibt sich ein Spannungsbogen vom Einst ins Jetzt, der die heimelige Idylle von innen her unterminiert.
Die gelungensten Texte in Walle Sayers Sammlung "Kerngehäuse" sind denn auch die, in denen Archaik und Moderne unvermittelt aufeinandertreffen (...) Wenn sich der Klang der Kirchenglocken mit dem Zersplittern von Glas mischt, das in einen Altglascontainer geworfen wird. Oder wenn der Geschäftsmann im Außendienst auf einem vermüllten Autobahnrastplatz eine Schmerztablette einnimmt, während er einem Eichhörnchen zusieht, das seelenruhig auf dem Abfallkorb sitzt.
Überschriften wie "Gedenkblatt", "Stehblues" und "Ode" machen deutlich, dass eine melancholische Gemütsverfassung Sayers Texte grundiert. "Verplempert, verjubelt, verpulvert, vertan: einen Kassenprüfer suchen wir noch" - so lautet die Zwischenbilanz der Vierzigjährigen, die zum Jahrgangstreffen zusammengekommen sind. Doch in diesen Oden auf die Vergänglichkeit blitzt hin und wieder die Einsicht auf, dass all diese Desaster des Lebens nichts anderes sind als ein "Lernschritt hin zum Unbenotbaren".

(Rolf Spinnler)


Walle Sayer stellt den neuen Band am Sonntag, den 1. März in seiner Heimatstadt Horb vor: Kulturzentrum Kloster, Marktplatz 28, 10.30. Nächste Woche gibt's hier Fotos von der Veranstaltung.

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