Sonntag, 8. März 2009

Anthologienstreit - Teil 3: Zahlen

Peter Ettl erinnert heute in der Lyrikzeitung (Eintrag Nr. 44 vom März) an höchst erfolgreiche Lyrikanthologien:

"Hans Kruppa gab beispielsweise 1983 im renommierten Fischer-Taschenbuchverlag den Sammelband "Wo liegt Euer Lächeln begraben?" heraus und setzte Hinz und Kunz neben Lyrikstars der damaligen Zeit. Ein Jahr später tat es ihm Manfred Hausin im gleichen Verlag nach ("Wir haben lang genug geliebt und wollen endlich hassen"). Trotz der heutzutage merkwürdig anmutenden Titel verkauften sich beide Bände im Bereich von 20 000 bis 30 000 Stück. Warum? Nicht die Namen waren es, die Vielfalt und die Qualität der Gedichte kamen an. Oder man denke an die "Friedensfibel", 1982 im Eichborn-Verlag erschienen, ein Sammelsurium an Leuten und Texten. Aber überzeugend, frisch, aufrüttelnd. Dies fehlt heute. Mit Namen zu protzen ist billig. Mit Jugend zu protzen ebenso. Die Gedichte müssen überzeugen, die Konzepte. Aber, wir wissen ja: Verpackung und Namen, das ist heute fast alles, was zählt."

Andere Zeiten, andere Zahlen. Eine der so genannten "wichtigen" jungen Dichterinnen hat von ihrem Debut gerade einmal im untersten zweistelligen Bereich Bücher verkauft, anderen "wichtigen" Jungautoren wird es nicht anders ergehen. Mit den rund 200 Exemplaren, die ich bislang von meinen "Drahtamseln" verkauft habe bzw. die über den Ladentisch oder durch die Packerei des Verlages wanderten, gehöre ich fast schon zu den Bestsellern. Eine höchst erfreuliche Rezension in der NZZ brachte übrigens allenfalls ein starkes Dutzend verkaufter Exemplare, die vielen anderen, nicht weniger erfreulichen Besprechungen gewiss nicht viel mehr.

Lyrik ist eine Marginalie im Betrieb der Künste. Die Akteure dieses Kleinstbetriebes leiden an Minderwertigkeitskomplexen, wenn sie mit Begriffen wie "groß", "wichtig", "bedeutend" bzw. den Steigerungsformen um sich werfen.
Lange Rede, kurzer Sinn: Lyrik interessiert kein Schwein. Und das ist das schöne daran. Denn allein aus diesem Grund sollte sich jeder Dichter oder "Dichter" darauf besinnen, dass es um nichts anderes geht als um das "gute" Gedicht und den ureigenen Ton zu finden. Gerade letzteres ist verdammt schwer. Unter den Jungdichtern, die nach 1970 geboren sind und deren Gedichte ich zumindest aus Anthologien kenne, finde ich allenfalls - um noch eine Zahl zu nennen - zwanzig, die dabei sind, einen eigenen Sound zu entwickeln. Weshalb diskutieren wir nicht einmal, welcher Tonfall welches Dichters aus welchem Grund eben einzigartig ist? Ein Gedicht von Sabina Naef oder von Claudia Gabler "erkenne" ich, ohne dass ein Name darüber oder darunter steht. Von älteren Autoren ganz zu schweigen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Mensch Kehl, warum klickst du nicht mal um. Diskutier doch mal was Relevantes und nicht the whole time, dass du verdammt nochmal nicht mehr jung bist... Wer will den jung sein in dieser ewig postadoleszenten hippen Werbehippowelt? Wen interessiert dieser Jugendhype überhaupt noch? Nichmal die vermeintlichen "jungdichter_innen themselves"... was wir alle wollen ist gute Lyrik lesen und da ist es weder interesting ob geadelt durch großen Protzradi oder das Jammerbuch der Lyrik, es geht um Sounds und Style, bitte. Vergiss den Kanon und den Jugendwahn poste mal relevante Verse, das, was wir alle von Dir erwarten!!! Und was Du auch drauf hast, aber diese Nebelmaschine, die bitte, lass aus!

Treu verbunden,
Rolf Hartig

Walther hat gesagt…

Guten Tag, die Herren,

es lohnt in der Tat nicht, sich über mangelnde Auflage zu enervieren. Wir müssen uns, wie ich bereits an anderer Stelle sagte, als Lyriker fragen, ob wir publikumsgerecht schreiben - wenn wir das überhaupt wollen. Wenn wir es nicht wollen, sollten wir aber nicht die Klage führen, wir würden nicht gelesen.

Kunst kann ohne die Resonanz ihres Konsumenten nicht leben. Nun kann man sagen, der Markt sei nicht der rechte Richter über das, was Qualität ist. Das mag sein. Es mag auch sein, daß Lyrik in der Nachricht, also der "Öffentlichkeit", zu wenig stattfindet. Dem ist nicht so. Das Internet ist voller Lyrik. Die Frage ist allerdings, welche "Qualität" diese hat.

Wo sie wenig stattfindet, ist im Feuilleton der regionale Presse. Hier ist sie fast völlig verschwunden. Dort wird auch nicht der regionale Poet publiziert. Es wird gar keine Lyrik mehr publiziert, besprochen auch nicht, weil rezensiert wird das, was die Bestsellerlisten erreicht hat, wie auch immer das geschah.

Daher haben sich andere Foren und Formen gebildet, wie Lyrik "verbreitet" wird. Geld kann man in der Tat damit nicht mehr verdienen. Das war anders und ist auch anderswo anders. Das kann man bedauern. Wenn man es ändern will, muß man als Lyriker sich auch ein wenig zu hinterfragen beginnen.

Gruß Walther