Sonntag, 15. März 2009

Gedicht des Tages - Volker Demuth


Im Normalfall bin ich gerne im Vorstand des VS Baden-Württemberg. Die Truppe ist schlagkräftig, der Landesverband hat ein hohes Ansehen und prominente Mitglieder. Weiche Knie hat es mir im April vergangenen Jahres bereitet, als ich vor Werner Dürrsons Sarg treten musste und als Jürgen Lodemanns Stellvertreter ein paar Worte sagen musste. Bei dieser Gelegenheit lernte ich Volker Demuth ein wenig besser kennen. Wir telefonierten, wir mailten. Volker kümmert sich zusammen mit Werner Dürrsons Nichte Angelika Eichhorn um dessen Nachlass. Siehe auch diese Website.
Volker Demuth ist aber vor allem Lyriker, der ohne viel Aufhebens von sich zu machen, in schöner Regelmäßigkeit Gedichtbände publiziert hat, etwa im Verlag Ulrich Keicher ("Flughaut Hirnfries") oder bei Landpresse ("Bits and bones"). Auch als Essayist und Medientheoretiker machte sich Volker Demuth einen Namen, und zuletzt erschien sein Erzähldebüt "Das angekreidete Jahr" wiederum in einem renommierten Verlag, nämlich bei Klöpfer&Meyer.
Ron Winkler schrieb kürzlich als Kommentar zum Gedicht von Andreas Noga vom "Reiz des Sperrigen". Ich antwortete ihm per Email, dass es für mich nur bei wenigen Dichtern, gerade der jüngeren Generation, diesen Reiz gebe, dass "sperrige" Gedichte geradewegs Kennzeichen der jüngeren Lyrik seien. Volker Demuth gehört (etwa neben Ron Winkler und Swantje Lichtenstein) zu den wenigen Lyrikern, bei denen mich dieses "Sperrige" reizt. Ich will die Gedichte dechiffrieren oder zumindest klingen hören, klingen sehen. Volker Demuth ist übrigens mit Sicherheit einer der lyrischen Väter vieler Autoren, die nach 1970 geboren sind. Danke, lieber Volker, für das unveröffentlichte Gedicht. Das Blog-Programm akzeptiert übrigens nicht das Originaldruckbild des Gedichts. So ist z.B. das Wort "Karton" rechtsbündig abgesetzt. Wer das Originaldruckbild als Word-Datei lesen möchte, möge mir bitte eine Mail schicken.


Hugo Ball im Tessin


Bomben- Sprachtrichter im gestickten
Karton
an die Front getragen
die Rampensau
hinter abgehängten Stoßtrupps Blutgedudel
die Peitsche, Dada Hue!
das Repetier...
so eingetrichtert
dem Dunkel Gräben
(Melde ergebenst: Ihr Lautsappeur)

/

schneiden da zu Filmen Grimassen
grüne Gesichter
und da die Schall-
ortung (im Tri...)
Rhabarber
kauend spuckend
(die Lungen!)
im Umfeld diagonaler
Sinfonien
sagt sich Kehlkopfschwindsucht
tauchen Streifen auf Bildabläufe
der
brummende See das ratternde Ufer

/

dann schlägt er Brom vor
aus Bern
für ihre Nerven
(fünfundachtzig Pfund die Frau)
genaue Gewichtsangabe seiner Liebe

/

längst liegt der Mund an
der Membran küsst die Nadel
und frühmorgens
vernimmt man Sprengung
an Bergflanken Gesteinsadern
ein Rufer: Akustiker
(Auskultieren!)
Sie: beschäftigt mit der Herstellung von
Tinte
aus Beeren Kaffee Schuhcreme
fehlenden Papieren

/

wo aber taut der Himmel
(viel im Freien!)
hängt
der Magen worauf beißen nach dem
Eisenbahnfieber dem Zürichgift
das Tal
gewichst von den Goldschürfern Victorias
argentinischer Tierhaut
trifft er
auf Steinzüge nach Süden
polierten Granit
im Schlaf auf Laubsäcken und
was für die Hunde
ist
Leber Lunge Innereien