Mittwoch, 4. März 2009

Jahrbuch der Lyrik - Statistik

Dass es beim "Jahrbuch der Lyrik" ungerecht zugeht, wird gelegentlich behauptet. Als gelernter Statistiker will ich deshalb mal ein wenig Erbsen zählen.
Geht man davon aus, dass unter den Dichterinnen und Dichtern hinsichtlich ihrer sozio-demografischer Eigenschaften mit Ausnahme des Faktors Bildung eine Normalverteilung vorliegt, die der Durchschnittsbevölkerung enstpricht, so finden sich im aktuellen Jahrbuch einige interessante Abweichungen.
Nur 35% aller Dichter sind vor 1960 geboren, dafür aber 44% ab dem Jahr 1970, die Geburtsdekade 1970 bis 1979 ist mit 30% am stärksten vertreten. Fazit: Die Jungen dominieren signifikant. Mit 59% dominieren außerdem die Männer. Korrelationen zwischen Alter und Geschlecht führen aufgrund der geringen Fallzahlen zu keinem interpretierbaren Ergebnis.
Besonders interessant ist der Wohnort der Lyriker: 29%, also fast jeder dritte Dichter, lebt in Berlin. Nimmt man noch Leipzig hinzu (11%) bedeutet das, dass vier von zehn Lyrikern in der Hauptstadt bzw. Leipzig leben. Im ganzen Rest von Ostdeutschland residieren hingegen nur 6% der Jahrbuchteilnehmer. Rechnet man Frankfurt am Main grob zu Süddeutschland, kommen 23% der Jahrbuchdichter aus diesem schönsten Teil der Bundesrepublik, 19% leben im Norden und nur 11% (!) stammen aus dem Ausland, sei es deutschsprachig oder nicht.

Kommentare:

ron hat gesagt…

Dass ein Großteil der AutorInnen in Berlin lebt, überrascht nicht sehr. Mir fiel auf, wie wenige Dichter doch (unter dem Jahrbuchaspekt) aus Österreich oder der Schweiz kommen. Vielleicht frappiert dieser Eindruck weniger, wenn man das Quantum mit den Gesamtbevölkerungszahlen verrechnet. So und so fände ich es interessant, würde das Jahrbuch oder ein Äquivalent einmal mit einem etwa österreichischen Hintergrund publiziert werden. Der Anteil jüngerer Jahrgänge wird so hoch sein, wei es notwendiger ist oder der/dem Einzelnen notwendiger erscheint, derartige Projekte überhaupt zu besenden. Ganz jung: man muss auftauchen, im doppelten Sinn des Wortes da sein. Stichworte: Graduierung, auffallen, Publikationsliste aufhübschen. Noch fast ganz jung: verschiedene Zwänge verbinden sich mit dem Tun: Konkurrenzdruck, Spezialisierungsdruck, Wahrnehmungsdruck. Es ist cool, sich solcher Honorifizierung zu verweigern, aber auch cool, nach außen hin scheinbar selbstverständlich per Aufnahme in eine solche Anthologie geweiht zu werden. Noch halbwegs jung: Man versucht es einfach mal. Noch irgendwie jung: man wird nicht mehr frei von der Skepsis, dass die Beteiligung an einem Jahrbuch per Auswirkung nicht mehr als ein netter Effekt ist. LeserInnen sucht man nicht mehr über ein Jahrbuch; man interessiert sich ja selbst ohnehin maximal nur für die eigene Generation.
Nur ein paar laienpsychologische Spekulationen. Die Zahl junger LyrikerInnen ist eben zurzeit einfach sehr hoch. Im Jahrbuch für Aquarellmalen sieht das wahrscheinlich ganz ähnlich aus.

czz hat gesagt…

dass Sie kommentare nicht freigeben , werter Matthias Kehle , wundert mich . just als kritiker sollte man darin firm sein , selbst kritik zu ertragen .
nach 10 jahren NZZ und 5 jahren "literaturen" ist uns kein einziges kritisches wort je ohne heftige gegenrede geblieben . eine gute schule der aktiven "defensio" , welche indes mitnichten zu einem defensiveren schreibstil führt .

Anonym hat gesagt…

Lieber Matthias,

es wundert mich ehrlich gesagt, auch dass das Jahrbuch voll ist von "jungen Lyrikern" und vor allem voll von Menschen, die Uljana Wolfs Klüngel nahestehen. Aber bitte man sollte nicht viel erwarten von solchen Dingen...

Happygoeslucky