Freitag, 6. März 2009

Die junge Betriebsamkeit

Vielleicht sollten wir älteren Autoren (wobei ich nur knapp über der "Jung"-Grenze liege, wenn ich daran denke, dass Claudia Gabler gerade einmal drei Jahre jünger ist als ich, meine Wenigkeit dafür aber seit über 20 Jahren im "Geschäft" ist) etwas zurückhaltender, ja verständnisvoller auf die "junge Betriebsamkeit" blicken, sieht man von der unerfreulichen Entwicklung in den Redaktionsstuben der Blätter ab. Ich meine die vielen Anthologien, die schließlich und endlich auch Suchbewegungen einer mehr oder weniger jungen Szene darstellen. Ein Teil der jungen Kolleginnen und Kollegen hat an Schreibakademien studiert, jeder/ jede hat das Gleiche oder doch sehr Ähnliches gelernt (unterstelle ich). Und so ist es erstens nicht verwunderlich, wenn man die wirklich eigenständigen Stimmen in der Generation der nach 1970 geborenen mit der Lupe suchen muss, zweitens läßt sich die "G'schaftlhuberei", lassen sich die vielen Anthologien, poetologischen Statements, Zeitschriften als Suchbewegungen einer Generation erklären. Einige der "Suchenden" werden gewiss fündig werden, andere werden sich hoffnungslos verirren, versteigen. Wenn ich bespielsweise die 1984 bei Schneekluth erschienene Anthologie "Junge deutsche Lyrik 1" aus dem Regal nehme und schaue, was nach 25 Jahren geblieben ist, dann ist das dürftig. Darin vertreten waren: Dietrich Bartels, Ulrich Johannes Beil, Sabine Göttel, Barbara Maria Kloos, Anette Müller, Bernhard Nellessen, Ullrich Remy, Hans Christian Rohr, Christian Schärf, Ludwig Steinherr, Bernd Storz und Sabine Suttner. Immerhin drei der Autoren sind im "Großen Conrady" gelandet: Beil, Kloos, Steinherr. Während Bernhard Nellessen die erstaunlichste Karriere gemacht hat. Vom Walter-Helmut-Fritz-Epigonen, der einen Sammelband mit Aufätzen zu Fritz herausgab, zum Fernsehdirektor und ARD-Koordinator für kirchliche Sendungen. Mal sehen, ob in 25 Jahren, beim Blättern in den heutigen Anthologien ebenfalls ein Viertel der Autorinnen und Autoren überdauert hat und wer von den anderen eine politische Karriere gemacht hat.

1 Kommentar:

ron winkler hat gesagt…

Der jüngeren Lyrik (mittlerweile wirds dann doch fast ein Genre) eine gewisse Gleichförmigkeit zu attestieren, ist recht opportun geworden. Und sicherlich gibt es eher nur einige wenige breite denn viele schmale ästhetische Strömungen. Zu bezweifeln ist, dass das je anders bzw. "besser" war. Gerade durch die Vielzahl der Schreibenden formiert sich eine ziemliche Bandbreite an Poesie, von Anja Utler bis Jan Wagner, von Nico Bleutge bis Dagmara Kraus, von Björn Kuhligk und Tom Schulz bis Ulrike Almut Sandig und Uljana Wolf, von Gerald Fiebig bis Daniela Danz. Dies in Bezug auf die (v.a. auf das DLL) Bemerkung, "jeder/ jede hat das Gleiche oder doch sehr Ähnliches gelernt". In Leipzig werden ja -- bei aller eigenen Skepsis gegenüber jeglichen Lyrik-Hogwarts' -- auch nicht semantische Schablonen zum Auswendiglernen oder bezirzende Zaubertränke geheimbündlerisch dargereicht. Dass es Nähen gibt, Überlappungen, Tête-à-tête-Interferenzen und analoge Duktus (seltsamer Plural), hat mit Generation nicht das Geringste zu tun. Und warum wird neuerdings immer wieder behauptet, es finde extreme, wie du sagst, "G'schaftlhuberei" statt? Habe ich eine Reform, eine Revolution verpasst? Es gibt wie schon in den Jahrzehnten zuvor Zeitschriften aller Coleur. Mal mit eher jungen AutorInnen, mal gemischt. Dies scheint mir auch die Regel zu sein. Es existiert auch im Grunde nur ein Festival für die nachrückende Generation, das in Hildesheim. Woher diese fast mit Schuldzuweisung verbundene Skepsis? Ich habe das schon mal gesagt: Lyrik von Jetzt und Neubuch zum Beispiel wollen keine Aufmerksamkeit aus einer konstanten Menge abziehen, sondern zusätzliche Aufmerksamkeit schaffen. Es ist Lyrik von jetzt von jungen DichterInnen. Dass es sich so lesen lässt, als sei alles andere nicht "von jetzt" oder "neu", also nicht auf der Höhe der Zeit, ist bedauerlich und nicht intendiert. Anwürfe gegen die Begriffe aber sind naiv.
Einen guten Riecher, was die Nachhaltigkeit 'seiner' DichterInnen angeht, hatte 1966 Peter Hamm mit seiner Anthologie "Junge Lyriker des deutschen Sprachraums". Ein Blick lohnt sicher.