Mittwoch, 11. März 2009

Wie ein Gedicht entsteht

Von kleiner Statur
eingefallene Wangen
mit einem schönen
Gesicht vielleicht noch
jung von Geburt schwächlich

einen Tropfen Blut in den
Pupillen verschwommen
die alten Geschichten aber wahr

mit einer weder sanften noch
derben Stimme schaut er
wie die Wolken Ränder bekommen
aus Argwohn die Tage seien
als Versuch gedacht



Dieses Gedicht entstand im Jahr 1990, als ich 23 Jahre alt war, so ziemlich in einem Rutsch. Damals war ich in einer Clique, in der einige überlegten, ob sie sich tätowieren lassen sollten. Einer ließ sich eine reichlich große Tätowierung auf den Oberarm machen, ich erinnere mich nur, dass es ein scheußliches Motiv war. Mein damals bester Freund - er war der erste von uns Buben, der im zarten Alter von 14 Jahren eine Freundin hatte, dafür wurde er als letzter in meinem Freundeskreis Vater (bis jetzt) - ließ sich ein etwas schlichteres Tattoo einfallen, bzw. suchte es sich beim Meister der Nadeln aus. Weil ich neugierig war, ging ich mit. Armin, so der Name des Freundes, suchte sich als Motiv ein Auge aus, in dessen Pupille ein winziger Totenkopf "gestanzt" wurde. Und natürlich blutete es aus diesem Auge, aus dieser Pupille beim Tätowieren. Fertig war mein Motiv. Dass älteren Herrschaften gelegentlich ein Äderchen im Auge platzt, weshalb die Pupille blutunterlaufen sein kann, erfuhr ich erst später - Leser fragten sich und mich stets, ob die porträtierte Figur denn jung oder alt sei.
Kurz nach dem Anfertigen der Tätowierung las ich in der Ettlinger Stadtbücherei in der Ausgabe Nr. 1/88 der Zeitschrift "Akzente" folgendes Gedicht von Nicanor Parra, übersetzt von Curt Meyer-Clason unter dem Titel "Grabinschrift":
"Von mittlerer Statur,
mit einer weder sanften noch derben Stimme,
ältester Sohn eines Volksschullehrers
und der Hinterzimmermodistin eines Ladengeschäfts;
von Geburt schwächlich
wiewohl der guten Küche zugetan;
eingefallene Wangen
und ziemlich umfangreiche Ohren;
mit einem viereckigen Gesicht
in dem die Augen kaum aufgehen
und der Nase eines Mulattenboxers
über dem Mund eines aztekischen Götterbildes
- alles getaucht in
halb spöttisches halb verräterisches Licht -
weder sehr aufgeweckt noch hoffnungslos blöd
war ich was ich war: ein Gemisch
aus Essig und Speiseöl
ein Eintopf aus Engel und Raubtier!"


Für mein Porträt-Gedicht nahm ich also einige unwesentliche Passagen aus Parras Gedicht, und da Armin keine "mittlere", sondern eine eher "kleine" Statur hat, variierte ich die Zitate minimal.
Das Gedicht wurde Anfang der 90er-Jahre in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht, u.a. im "Jahrbuch der Lyrik 1991". Stolz wie Oskar war ich! Es war dann folgerichtig auch das erste Gedicht in meinem ersten Gedichtband "Vorübergehende Nähe", der 1996 beim Alkyon-Verlag erschien und 2005 eine bearbeitete Neuausgabe bei Rimbaud als Taschenbuch erfuhr.

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