Donnerstag, 2. April 2009

Anthologienstreit, Teil X - Schattenhangschreiten

Der Tag begannt gut, nämlich mit einem wundervoll schlichten Gedicht des großartigen Basler Dichters Werner Lutz in Shafiq Naz' Lyrikkalender. Der Einfachheit hatte ich vor, meine Rezension zu posten, die vor einiger Zeit in "Am Erker" und der "Allmende" erschienen ist (Link hier!) Doch dann las ich die Polemik von Alexander Nitzberg über die Anthologie "Lyrik von Jetzt 2" im "Poetenladen". Ich muss gestehen, ich habe mehr als nur herzlich geschmunzelt. Nach der Lektüre von Werner Lutz dieser eiskalte Verriss!
Der junge Dichter, schreibt Nitzberg, sei ein "ein freundlicher Absolvent, ein schüchterner Stipendiat, ein akademischer Leisetreter. Er will niemandem wehtun, am allerwenigsten der Sprache selbst. Und doch tun seine Bilder entsetzlich weh. Zu oft sind es nur stümperhafte Fabrikate, die von einer inneren Laxheit, schlechten Vorbildern und mangel­haftem Handwerk zeugen." Er spricht von der "Hohlheit des Gesagten", von "nebligen Metapherchen". "'Regeln?' fragt der junge Dichter empört. 'Doch nicht für mich!' Und setzt sich über sie hinweg, ohne sie erst zu kennen." Nitzberg nennt Namen, er zitiert ausgiebig und wird wahrscheinlich alsbald gescholten, weil er Bruchstücke aus dem Zusammenhang reißt. Die jungen Dichter seien "zur Schau unfähig" und zitiert einen der Autoren: „'So viel Entleerung war nie'. Wohlgemerkt: eine Entleerung, der keine Fülle vorausging."
Alexander Nitzbergs Fazit:
"Im Ganzen aber läßt die „Lyrik von Jetzt“ nichts Gutes für die „Lyrik von Morgen“ ahnen. Zuviel darin erweist sich tatsächlich als jung im Sinne von unreif, schülerhaft und grün. Eine für die meisten in jeder Hinsicht verfrühte Publikation. Da wäre sehr viel weniger erheblich mehr."

Ein Halbsatz, das muss ich gestehen, frappierte mich, gerade nach der Lektüre des Gedichts des Altmeisters Werner Lutz, mit dem er wenige Dichter lobt (etwa Karin Fellner): "Wegen ihrer Einfachheit würden all diese Dichter im Gros der Anthologie kaum auffallen."

Der gesamte Text ist im Poetenladen nachzulesen. Hier klicken!

Kommentare:

stan lafleur hat gesagt…

"Ist es nur eine geografische Laune oder hat es mit der Landschaft und Sprache im Südwesten Deutschlands und Norden der Schweiz zu tun, dass fast alle Lyriker, die aus dieser Gegend stammen, der lakonischen Tradition verpflichtet sind?"
Lieber Matthias, das stimmt doch höchstens (von Deinem Ansatz her) gefühlt bzw kommt ganz darauf an wie weit bzw hier offenbar eher: eng auf Teile der Moderne bezogen der Begriff Tradition Verwendung finden soll. Ich zähle unter meine literarischen Ahnen völlig unterschiedliche Nasen wie z.B. Fischart, Grimmelshausen und Scheffel, um welche aus der Region zu nennen, die nicht gerade für äußerste Lakonie stehen. Und diese ganze Verknappungsschule ist weitläufig an mir vorbeigeschrabbt, ich hielt sie aus der Ferne stets für ein bürgerliches Fänomen der Nachkriegsjahre und könnte sie mir ebensogut im norddeutschen Flachland angesiedelt vorstellen.

Matthias Kehle hat gesagt…

Die "Verknappungsschule" als "bürgerliches Fänomen der Nachkriegsjahre" zu sehen, ist wieder verknappt, lieber Stan. Brecht will ich nicht in diese Schublade tun. Und dass man dort mehr wahrnimmt, wo man wohnt, ist auch klar. Die Verknappungsschule beginnt schon bei Walther ("Ich saz ûf eime steine"). Wenn man's überspitzen will.