Mittwoch, 29. April 2009

Gedicht des Tages - Otto Jägersberg

Otto Jägersberg, ein Satiriker von Rang, ist mir schon am Anfang meines Schreibens begegnet. Nicht persönlich, aber lektürehalber. Als 1987 sein Roman "Söffchen oder Nette Leute" von Diogenes neu aufgelegt wurde, schrieb ich eine meiner ersten Rezensionen überhaupt für das kleine Baden-Badener Stadtmagazin "Schauplatz". Die Besprechung ist immer noch im Netz zu finden. Später begegnete mir Jägersberg mehrfach bei den Literaturtagen des VS - er ist auch ein begnadeter Leser seiner Texte.
Die "Badischen Neuesten Nachrichten", für die ich regelmäßig schreibe, hat eine kostenlose Sonntagsausgabe. Dort gibt es eine beliebte Rubrik "Der Sonntag bei Promi xy", in welcher der Porträtierte auch ein wenig von seinen Freizeit- und Sonntagsgepflogenheiten preisgibt. Das Porträt von Otto Jägersberg war eines der wenigen, bei der mich mein Redakteur anrief, weil sie nicht ganz auf den normalen Sonntagsleser zugeschnitten war. Die Sonntagsgeschichte war nämlich gleichzeitig eine Parodie auf diese Art Sonntagsgeschichten. Otto Jägersberg hatte unter anderem berichtet, dass er seine Sonntage am liebsten mit seiner Freundin in abgelegenen und sonntags einsamen und stillen Industriegebieten am Stadtrand verbringt (siehe unten!).
Vor sieben Jahren schon erschien im Verlag Ralf Stieber ein Künstlerbuch in der "reihe zwei" mit Gedichten von Otto Jägersberg und Bildern zum Thema "Bier" von Dieter Krieg. Ralf Stieber gab mit Matthias Kußmann einige höchst aufwendige und nicht ganz billige Künstlerbücher heraus, in welchen sich ein Dichter und ein Künstler begegneten. Walter Helmut Fritz und Hans Bernhard, Paul Wühr und Hans Baschang, Rainer Malkowski und Horst Eugen Kalinowski sowie eben Jägersberg und Krieg. Näheres zu der Reihe siehe hier. Die vier Bücher jedenfalls gehören drucktechnisch zu den eindrucksvollsten bibliophilen Bänden meiner Sammlung.
Otto Jägersberg hat mich wieder an die "reihe zwei" erinnert. Ich hatte ihn um ein Gedicht für dieses Blog gebeten. Normalerweise begehre ich ein unveröffentlichtes Gedicht, doch als Hommage an die wunderbare "reihe zwei" (die aus Kostengründen leider eingestellt werden musste) ein Gedicht aus "Deutsche Tiefe", so der Titel des Bandes. Einige Bände der Normalausgabe sind übrigens noch zu haben.



Mode im Sturm


Schluss mit dem Zickenlook
Vorwärts schöne Frauen
Wir wollen wieder sehen lernen

Ihr Schönheitssoldatinnen
hochbeinig
edelbusig
das Becken scharf voraus
die Augen starr ins Ungefähre
im schnellen Schritt
der nach außen geworfenen
über Kreuz gesetzten Füße
schwerelos wesenlos
schüttelt ab die Trance
schreitet
schreitet weiter
über den catwalk hinaus
hinein in die Straßen und Wohnungen
und sorgt mit der euch eigenen Strenge
für Schönheit und Eleganz
gnadenlos



Und weil die Sonntagsgeschichte "Der Sonntag bei Otto Jägersberg" so hübsch ist, hier der Originaltext, wie er nicht in der Sonntagszeitung zu lesen war. Mit vielen Grüßen an meinen Redakteur Thomas Liebscher (der Lyrik in nordbadischer Mundart schreibt, einige Bücher veröffentlicht und reihenweise Mundartpreise eingeheimst hat. Vielleicht mailt er mir ja auch mal ein Gedicht).


Der Sonntag bei Otto Jägersberg

"Schriftsteller ist kein Beruf, sondern eine Haltung den Dingen und dem Leben gegenüber", sagt Otto Jägersberg. Der begnadete Satiriker ist ständig auf der Pirsch und stets dienstlich erregt, wie er beteuert. Beispiel: Biertrinken. Obwohl er selbst Bier nur im Zustand des Totaldurstes oder völliger Entkräftung trinke, habe er (übrigens sehr komische) Biergedichte geschrieben. Der Dichter ist stets im Dienst, gerade sonntags. "Ich wohne in Baden-Baden neben der Stiftskirche und blicke direkt auf den Eingang und den Parkplatz davor", berichtet er. Er steht also am Fenster und kontrolliert die Kirchgänger: "Anzahl, Kleidung, Auftritt, Parkverhalten. Mir entgeht kein Christ." Früher, so erinnert sich Jägersberg, sicherte die katholische Bevölkerung am Sonntag Vormittag den Nachwuchs: "Man zeugte und ging deshalb schon am Samstagabend zur Messe." Die mangelnde Kinderzahl in Deutschland führt Jägersberg somit auf die aktuelle Sonntagmorgenfrömmigkeit zurück.
Jägersberg geht sonntags nicht auf die Straße. Es herrsche zu viel Verkehr. "Kaum scheint die Sonne, überfallen Autonomaden die Allee und spazieren bis Sonnenuntergang da herum." Von den auf den Straßen surfenden Motorrädern ganz zu schweigen. Die hindern nämlich den Rennradler Jägersberg an der Ausübung der notwendigen Leibesertüchtigung. "Ich besitze ein Rennrad, ja. Aber ich bin kein Rennradler." Immerhin sei das Rennrad ein beglückender Gegenstand, auch wenn die dazu gehörige grellbunte Kleidung, das Autoerotische am Rennfahren sowie das "Buckeln und Treten" etwas Anrüchiges hätten. Der Dichter sieht den selbstquälerischen Gebrauch dieser Maschine auf öffentlichen Straßen als lebensgefährlich an. Dennoch sieht man ihn unter der Woche durch die Berge und Täler seiner Heimat sausen, deren Landschaft und Kultur er liebt und sehr gut kennt. Falls er übrigens sonntags das Haus doch verläßt, "schlurft" er für ein Stündchen in die Stiftskirche ("herrliche Gräber und Kunstwerke, wohltuende Atmosphäre") oder besucht eine Kunstausstellungseröffnung. "Die sind ja meist um elf Uhr und es gibt Wein", sagt der Riesling- und Weißburgunderfreund, "mit einem Glas Wein in der Hand lassen sich wunderliche Gespräche über Kunst führen, auch wenn keiner etwas davon versteht, ich am Allerwenigsten."
Deprimierend findet der Kenner guter Küche, dass er sonntags nicht in den Wald kann, um Pilze zu suchen. Der Wald sei dann voller Russen und Rentner: "Die Russen pflücken jeden Pilz, weil sie für alle ein gutes Rezept haben, die Rentner reißen jeden raus, weil sie diese für die Pilzbestimmungskurse brauchen." Alternativ flanierte Jägersberg kürzlich mit seiner Freundin an einem Sonntagnachmittag durch ein Freiburger Industrieviertel. In der Nähe der Autobahn war's, zwischen Baumarkt und Atac-Hotel. Er erzählt, dass es dort angenehm still und friedlich, vor allem aber autofrei gewesen sei. "Wir fanden sogar ein Bänkchen vor einem Riesenschuppen für Möbel, und davor war ein kleiner Springbrunnen. Wir saßen auf dem Bänkchen, mitten im Industrieviertel und hörten die Tropfen des mickrigen Strahls in das Brunnenschälchen zurückfallen." Das glückliche Paar nahm sich vor, dort öfter sonntags spazierenzugehen.

1 Kommentar:

flohconserve hat gesagt…

Die Antwort auf Otto Jägersberg:


Männer im Wind

Stop mit dem Gebärdenspiel
Vorwärts ihr Mannsbilder
Wir wollen wieder Taten sehen

Ihr Debattenphilosophen
dünndickbäuchig
faulgehäutet
die Beine schief verschränkt
die Augen kahlverwirrt
aus Qualm gedünstet
geworfene Worte
ins Kreuz und quer
wesenlose schwerelos
schüttelt ab das Unsein
steht
steht auf
über die Rede hinaus
hinein in die Gärten und Landschaft
und sucht mit euch eigener Bekanntschaft
wieder die Strenge und Kraft
unerbittlich