Mittwoch, 8. April 2009

Hätte Schiller gebloggt? Kommentar von Oliver Gassner

Angeregt von einem Artikel im BT stellt Matthias Kehle die Frage:
"Würde Schiller bloggen?"

Mein Kommentar dort wurde etwas länger, deshalb gibt es ihn auch hier.(Korrigiert und erweitert--)

Autoren haben immer neue Medien benutzt. Döblin hat sich sein Radio selbst gebaut. Er war das, was man heute einen 'Geek' nennen würde: Ein Typ, der sich mit 'neuem Medienkram' beschäftigt. Und dessen Sprache sich dadurch verändert hat. Oder gar seine Sicht auf Gesellschaft und Soziales.

Ansonsten gab es ja genug Autoren, die für Zeitschriften und Fugblätter geschrieben haben -- als die Medieninnovation diese billig zur Verfügung stellte. (Wir hätten heute keine Profischriftsteller, hätte es nicht irgendwann im 18. Jahrhundert billigeres Papier gegeben (und die 'erste Pressekrise' Mitte der 90er war... wegen der Papierpreise). Übrigens hätten wir auch keien Hochkultur ohne Massenkultur. Zumindest eine Hochkultur, de nicht zwingend staatstragend ist, so staatstragend wie sie es vor er bürgerlichen Gesellschaft war.)

Hätte es die Beatliteratur gegeben ohne Tonträger und Fotokopierer? Über die techologischen und medien-sozialen Bedingungen der deutschen Popliteratur sag ich jetzt mal nix, ok?

Was ist mit Bense und den ersten Großrechnern? Hatten er und die "Stuttgarter Schule" nicht großen Anteil an dem, was die Nachfolge der Dadaisten antrat? Auch die Montage ist eine Technologie.

Ich lehne mich mal aus dem Fenster:
Wer als Kreativer NICHT an der vordersten Technologiefront mitschwimmt(wie z.B. Alban Nikolai Herbst es sehr wohl tut), der wird seiner Gegenwart auch nicht die Finger auf die Wunden der unbeantworteten Epochenfragen legen können(wie Shakespeare es tat).

Schiller hätte gebloggt anstatt zu erzählen, er hätte getwittert annstatt Lyrik zu produzieren und er hätte gepodcastet und Videos zu Youtube gestellt, anstatt Theater zu machen.
Denn damit hätte er sein revolutionäres und freiheitliches Publikum
erreicht.


Also dann: IN TYRANNIS und losgebloggt

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

der schiller mit zwanzig oder der schiller 1804?
---

"Schiller hätte gebloggt anstatt zu erzählen, er hätte getwittert anstatt Lyrik zu produzieren und er hätte gepodcastet und Videos zu Youtube gestellt, anstatt Theater zu machen."

hat ja dann wohl weniger mit literatur oder allgemein: mit kunst zu tun. einfach mal ein wenig aufmerksamkeit erheischendes netzgebaren.
da kann man ja gleich sagen, der schiller unserer tage wäre bwl-student statt schriftsteller. und jeder fettkursive sinn dieser eintragung löst sich in luft auf.

Oliver Gassner hat gesagt…

Nun, ein bisscehn provozieren darf man ja eventuell. Die Zhal der Blogger dürfte in D, obwohl unterrepräsenmtiert im vergleich zu F oder NL oder A sicher die der Lyriker übesteigen.

ZUdem schadet es nicht, sich auch inhaltlich mi dem auseinanderzusetzen, was man sagt, auch wenn man pointiert.

Das Diktum dass SChiller twitern und bloggen würde, stammt übrigens vom Chef des Marbacher Literaturarchivs, wie ich jetzt erst rausgefunden habe.

Aber das ist dann sicher auch irgend ein gebaren ;)

Ach ja, aus "medialen" Gründen hab ich damals im Deutsch LK 1983/1984 alle meine Arbeiten (incl. Abi) mit Feder und Tintenfass geschrieben.

So eine mediale "Denkbremse" hat was. (McLuhan kannte ich da glaube ich noch nicht.) Denkbeschleunigungen bzw. Kanäle für sie, haben aber auch Qualitäten und nicht nur Quantitäten.

Anderswo las ich grade, dass "und außerdem"-Argumente selten stichhaltig seien. (Zudem hat Schiller ja unfreiwillig Medizin studiert ;) )