Freitag, 8. Mai 2009

Der Verband deutscher Schriftsteller (VS)

Heute tagt der Landesvorstand des VS Baden-Württemberg im Rahmen der Ettlinger Literaturtage, um 14 Uhr ist dort auch eine Mitgliederversammlung. Vor einiger Zeit gab ich mal ein Interview, ein Plädoyer für die Mitgliedschaft im VS, das ich bei dieser Gelegenheit noch einmal poste, zumal viele jüngere Kolleginnen und Kollegen Vorbehalte gegen gewerkschaftliche Bindungen haben - nach der Finanzkrise sollte sich das allerdings langsam ändern.
Das Interview ist im Autorenforum veröffentlicht worden.

"Was kann ein einzelner Autor gesellschaftlich bewirken?"
Interview mit Matthias Kehle


Matthias Kehle, Jahrgang 1967, ist freier Schriftsteller, Journalist und Kritiker und lebt in Karlsruhe. Kehle ist Mitglied im Vorstand des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) in Baden-Württemberg. Einen guten Überblick über sein Schaffen gibt seine Website http://www.matthias-kehle.de. Ich habe mit Matthias Kehle über den VS gesprochen. Unter anderem wollte ich von ihm wissen, ob es sich für einen Autor lohnt, dort Mitglied zu werden.


Stephan Waldscheidt: Was ist der VS, und was tut er? Auch: Was hat er getan? Wie ist er gegliedert?

Matthias Kehle: Der VS ist ein Berufsverband, in dem ein Großteil der haupt- und nebenberuflich aktiven Autorinnen und Autoren und die literarischen Übersetzer organisiert sind, knapp 4.000 Mitglieder. Wie alle Berufsverbände vertritt er nachhaltig die Interessen seiner Mit-glieder. Das fängt bei urheberrechtlichen Fragen an und endet bei den Honorarverhandlungen mit dem Börsenverein des deutschen Buchhandels, mit dem nicht nur ein Normvertrag ausgehandelt wurde, sondern auch (Mindest-)Honorare, die verbindlich sein sollten.

Die Künstlersozialkasse ist im Wesentlichen auf Betreiben des VS zustande gekommen, namentlich durch das Engagement seines ersten Bundesvorsitzenden Dieter Lattmann, der den VS auch mitbegründet hat. Der VS half maßgeblich mit, dass Autorinnen und Autoren über die Verwertungsgesellschaft WORT Vergütungen für die weitere Nutzung ihrer Werke erhalten. Die einzelnen Landesverbände engagieren sich sowohl mit Literaturveranstaltungen als auch in berufspolitischen Belangen nach Möglichkeit und finanzieller Ausstattung in ihren Ländern. Ich kann im Wesentlichen nur für Baden-Württemberg sprechen: Der VS berät bei kommunalen
Literaturveranstaltungen, bei den Baden-Württembergischen Literaturtagen, er ist in Jurys vertreten, er hat Stadtschreiberstellen organisiert, er steht bei politisch Verantwortlichen auf der Matte, wenn es um kulturpolitische Grausamkeiten geht. So konnte (neben anderen) der VS Baden-Württemberg die Schließung des Stuttgarter Schriftstellerhauses verhindern.

Was die Gliederung betrifft, gibt es neben dem Bundesverband und den 16 Landesverbänden (vor allem in Baden-Württemberg) so genannte Regio-Gruppen, in denen VS-Mitglieder auf kommunaler und regionaler Ebene aktiv sind und Lobby-Arbeit für die Literatur, für Sprache und Bildung betreiben (ein wichtiges Betätigungsfeld in düsteren Pisa-Zeiten, denn Sprach- und Ausdrucksfähigkeit ist unsere Domäne!). Die Arbeit auf Landes- wie Bundesebene wird ehrenamtlich geleistet.

SW: Inwiefern engagiert sich der VS politisch? Inwiefern existieren Abhängigkeiten zu Parteien und Gewerkschaften?

MK: Der VS äußert sich regelmäßig zu aktuellen kultur- oder bildungspolitischen Sachverhalten. Als Berufsverband mit politisch unterschiedlich orientierten Mitgliedern ist es nicht immer einfach, allgemeinpolitische Stellungnahmen im Namen des ganzen VS abzugeben. Das schließt aber keineswegs aus, und es ist sogar erwünscht, dass Landesverbände, Regionalgruppen und einzelne Mitglieder ihre politische Meinung dezidiert kundtun - viele, vor allem prominente Mitglieder machen davon ja reichlich Gebrauch. Der VS ist unabhängig von politischen Parteien und eine sehr selbständige Fachgruppe innerhalb der Gewerkschaft ver.di. Ich behaupte: Der VS kann innerhalb ver.di sehr eigenständige Ansichten vertreten.


SW: Die Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer ist ausgetreten, angeblich wegen eines Bekenntnisses des Verbandes zur Atompolitik.

MK: Brigitte Kronauer ist wegen missverständlicher Äußerungen zum Atomausstieg seitens ver.di aus dem VS ausgetreten. Obwohl ver.di, nach Protesten aus dem VS und von anderen Gewerkschaftsangehörigen, die Missverständnisse korrigiert hat und Bundesvorsitzender Imre Török mit Brigitte Kronauer diesbezüglich korrespondiert hat, wollte Frau Kronauer ihren Schritt nicht mehr rückgängig machen.


SW: Steht der VS nur Schriftstellern offen oder auch anderen Wortarbeitern wie Übersetzern, Journalisten oder Werbetextern?

MK: Literarische Übersetzer sind eine eigene Bundessparte innerhalb des VS. Für andere Wortarbeiter wie Journalisten und Werbetexter gibt es innerhalb von ver.di eigene Fachgruppen. Sie sind also nicht im VS organisiert, es sei denn, sie wünschen das und erfüllen die Aufnahmekriterien.


SW: Was habe ich als Autor davon, dort einzutreten?

MK: Darf ich mit Gegenfragen antworten: Was kann ein einzelner Autor gesellschaftlich bewirken? Hätte ein einzelner Autor das neue Urheberrecht durchsetzen können? Könnte sich ein einzelner Autor Gehör verschaffen bei Politikern, wenn es um Literaturförderung auf den verschiedenen Ebenen geht? Könnte ein wenig bekannter Autor seine Forderungen durchsetzen, wenn es bei seinem Verlag um Honorarfragen geht? Wie kann er im Falle eines Falles Rechtsberatung bekommen bzw. im Streitfall den teuren Rechtsbeistand bezahlen?


SW: Was kostet mich die Mitgliedschaft?

MK: Das ist abhängig vom Gewinn, den ich als Autor erwirtschafte, und vom Bundesland. Laut der Geschäftsordnung des VS (http://www.verband-deutscher-schriftsteller.de/organisation_aufbau.html) gilt für Mitglieder des VS § 14.3b der ver.di-Satzung. Der zufolge zahlen "freie Mitarbeiter/innen, selbständig, freiberuflich oder als arbeitnehmerähnliche Personen Tätige jeweils einen Beitrag in Höhe von einem Prozent ihrer Einkünfte aus Tätigkeiten im Organisationsbereich von ver.di. Berechnungsgrundlage ist der Monatsdurchschnitt der steuerpflichtigen Einkünfte oder 75 Prozent der monatlichen Bruttoeinnahmen. Ist auf dieser Grundlage eine Beitragsberechnung nicht möglich, wird ein Beitrag von mindestens 15 Euro festgesetzt."


SW: Welche Pflichten habe ich als Mitglied (außer der, regelmäßig meinen Beitrag zu zahlen)?

MK: Keine Karteileiche zu sein, sondern sich zu engagieren! Und sich zu informieren, so zum Beispiel auf der Homepage des VS: http://www.verband-deutscher-schriftsteller.de. Daneben haben die meisten Landesverbände eigene Webseiten (Links auf der Bundeshomepage).


SW: Einige ehemalige Mitglieder sagen, ein großer Teil der Mitgliedsbeiträge in ver.di versickere, ohne den VS-Mitgliedern zugute zu kommen. Was hat es mit dieser Aussage auf sich?

MK: Nehmen wir das Beispiel Baden-Württemberg: ver.di ermöglicht uns eine eigene Verbandszeitschrift (Die Feder), gewährt vor allem jedem Mitglied umfassenden Rechtsschutz, ver.di engagiert sich finanziell und personell intensiv. Der VS ist für ver.di - um es klar zu sagen - finanziell ein Zuschussbetrieb. Die wenigen Mitgliedsbeiträge, die die 4.000 Mitglieder auf Bundesebene oder die knapp 300 auf baden-württembergischer Landesebene aufbringen, reichen lange nicht, um die Kosten zu decken.


SW: Beim P.E.N. wird man nur auf Einladung Mitglied, beim FDA (Freier Deutscher Autorenverband) kann jeder Schriftsteller Mitglied werden. Inwiefern grenzt sich der VS von den anderen großen Schriftstellerverbänden ab?

MK: Der P.E.N. nimmt weniger berufsverbandliche Aufgaben wahr, das macht in erster Linie der VS. Zum FDA, wo ja jeder genommen wird, enthält die Frage schon die Antwort. Ein Großteil der P.E.N.-Mitglieder gehört dem VS an, man arbeitet in vielen Punkten zusammen, zuletzt bei Aktionen für den türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk. Als Berufsverband für die Interessenvertretung der Schriftsteller, ob als Verhandlungspartner oder in der kulturpolitischen Arbeit, wird bevorzugt der VS wahrgenommen.

Beim VS (ebenso im P.E.N.) kann eben nur Mitglied werden, wer nachweisen kann, dass er mittelfristig professionell dem Beruf des Schriftstellers nachgeht, sei es haupt- oder nebenberuflich. Das bedeutet konkret, dass wir einen Kollegen aufnehmen, der nachweisen kann, dass er in einem Verlag ein Buch publiziert hat, der nicht mit Druckkostenzuschüssen arbeitet oder ein Selbstverlag ist; oder Kollegen, von denen ein Theaterstück, ein Hör- oder Fernsehspiel aufgeführt wurde. Das "Minimum" ist der Nachweis einer angemessenen Reihe an Veröffentlichungen in angesehenen Zeitschriften oder Anthologien.


SW: Kannst du die Atmosphäre beschreiben, die zwischen den Mitgliedern, etwa bei größeren Treffen, herrscht? Den Umgangston? Geht es locker zu, duzt man sich, oder ist es doch eher formell? Hoher Kuschelfaktor oder hitzige politische Diskussionen?

MK: Wenn ich an meine persönlichen Erfahrungen der letzten Jahre denke, so gilt beides. Bei Treffen ist der "Kuschelfaktor", die Solidarität und Kollegialität dominierend, während hitzige politische Diskussionen öffentlich oder zumindest schriftlich (wie es sich gehört!) ausgetragen werden, sei es in Presseerklärungen, in Mailinglisten oder beim Austausch von E-Mails.


SW: Fallen dir spontan einige prominente VS-Mitglieder ein?

MK: Jede Menge. Ältere Kollegen wären: Martin Walser, Walter Jens, Walter Helmut Fritz, Felix Huby, Fred Breinersdorfer, Arnfried Astel, Said, Johano Strasser, Ines Geipel, Peter Härtling, Christoph Hein, Elfriede Jelinek, Carola Stern, Dieter Lattmann; unter den jüngeren wäre etwa Markus Orths zu nennen oder auch Beate Ryiert. Dieter Lattmann, federführender Mitbegründer und erster Bundesvorsitzender des VS, wird im Februar mit dem Ehrenvorsitz ausgezeichnet.


SW: Gibt es Verbandsorgane, eine Zeitschrift, regelmäßige Treffen der Mitglieder, spezielle Veranstaltungen, Literaturpreise, eine Mailingliste, ein Internet-Forum oder Ähnliches?

MK: Auf Bundesebene gibt es die Zeitschrift "Kunst und Kultur", die auch andere künstlerische Sparten mit abdeckt. Der Bundeskongress der Schriftsteller trifft sich alle zwei Jahre, die Landesverbände ein- bis zweimal pro Jahr. Der VS schreibt keinen eigenen Literaturpreis aus (ver.di aber tut es), und Autoren-Mailinglisten gibt es zuhauf.
Hierzu einige Web-Adressen:
- Autorenmailingliste: http://carpe.com/autoren
- Es gibt dann noch eine Verdi-ML für Freiberufler in den Medien:
http://de.groups.yahoo.com/group/verdi-freie/
- Als Einstieg für Autoren-Angebote bei carpe.com:
http://www.carpe.com/wiki/wiki.pl?CarpeInfoAutoren (wahlweise bei Google: "Carpe Info Autoren";
oder sonst bei carpe.com oder Literaturwelt.de einsteigen und lossurfen)
- Gegebenenfalls noch interessant:
http://carpe.com/literaturwelt/AutorInnen-Service/ (dort werden
Dienstleistungen für AutorInnen angeboten).

Weitere Links:
- Freier Deutscher Autorenverband: http://www.fda.de/
- P.E.N. Deutschland: http://www.pen-deutschland.de

Keine Kommentare: