Dienstag, 12. Mai 2009

Gedicht des Tages - Wolfgang Hermann


Bis vor einigen Monaten kannte ich nur seinen Namen. Bis ihn Walle Sayer für die nächsten "Literaturtage Nordschwarzwald" ins Gespräch brachte, die wir gemeinsam organisieren (demnächst mehr Infos dazu!). Schließlich stehen die Literaturtage unter dem Motto "Nachbarn". Weil man von den höchsten Bergen des (Nord-) Schwarzwaldes nach Österreich, in die Schweiz und ins Elsaß schauen kann, sofern es klar ist, haben wir also Kolleginnen und Kollegen aus den Nachbarländern eingeladen, darunter Wolfgang Hermann aus dem österreichischen Vorarlberg (ein herrliches Stück Erde!). Nachdem ich ein wenig über Wolfgang Hermann recherchiert hatte, stimmte ich zu - auf Walles Lektüretipps kann ich mich ohnehin blind verlassen; er hat halt doch ein paar Jahre mehr Leseerfahrung.
Wolfgang Hermann ist auf den einschlägigen Websites, welche Lyrikfreunde so gerne aufsuchen, nicht vertreten, aber das kann sich ja ändern. Infos über ihn und seine Arbeit findet man auf seiner vorbildlichen Homepage.



1

solange war trübe zeit keiner konnte sich erinnern
es je anders gesehen zu haben
die rücken krumm die münder hart
nach überall war es zu weit
eines morgens brach der himmel mit einer brise auf
der tag wölbte sich
und noch ein tag und noch einer
bis vertrauen zurückkam
licht floß wieder aus augen
über tage und tage
schwarzwolken stieben aus düsteren zimmern
der tod wich
licht stand an mauerecken
die keiner je gesehen hat
die dinge erweiterten sich
verdoppelt wie von weißen händen berührt
auch in den dunkelsten straßen redete man leise
selbst der gröbste ging rückwärts mitten im schritt
ein weißer wind strich übers land
süß von hängenden früchten und leicht



2

im holunder regte sich duft
abendrot glühte in den himbeerranken
die linde flüsterte in der brise
etwas war da
zwischen baum und strauch so selbstverständlich daß es keinem auffiel
so lange war alles vereinzelt gelegen
ausgeräumt und kahl
das leben ohne bindestoff
etwas war da
vor den worten
im dazwischen
als wüßten alle wie zerbrechlich es war
gingen sie aufmerksam
etwas kam zwischen sie
öffnete ihre rücken
sie hörten auf einander auszurichten
als begriffen sie den einen körper
der sie gemeinsam waren
etwas blieb von tag zu tag

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