Dienstag, 19. Mai 2009

Literarische Moden

Ein wunderbares Plädoyer gegen tatsächliche oder vermeintliche literarische Moden hält Frank Milautzki in einer Besprechung von Michael Hillens Gedichtband "Ablegende Schiffe" bei fixpoetry. Es ist eine späte Fußnote zum "Anthologienstreit", den Ron Winkler so treffend als "Sturm im Wasserglas" bezeichnete.

Zitat Milautzcki:

"Es ist viel geschrieben worden über eine Kluft zwischen urbaner und nicht-urbaner Lyrik, zwischen Hinterland und Hauptstadtgeschehen, eine Kluft, die es so nur in Lektoren- und Jurorenhirnen, aber nicht tatsächlich gibt. Daß Dinge unterschiedlich klingen, hat natürlich mit Instrumenten und Kontext zu tun, plugged oder unplugged, laut oder leise, mit Umfeld und Akustik – so unterschiedlich musiziert wird auf der Welt, so unterschiedlich wird Lyrik geschrieben. Dennoch liegt allem der gleiche Prozess zugrunde. Der gelernte Tenor wird sein Publikum genauso begeistern, wie der DJ an seinen turntables die ekstatisch tanzende Masse im Club. Wenn er seine Sache richtig macht. Und darum geht es: es gibt guten Blues und auch miserablen, es gibt authentische Songs und weniger authentische, es gibt gut gemachte Musik, die klinisch wirkt und mich gar nicht berührt und raue, kraftvolle, aber weniger gut gemachte, die mich taumeln lässt. Kein Mensch käme auf den Gedanken, in seinem Leben nur eine Sorte Musik zu hören. Sich auf eine Spielart der Lyrik festzulegen heißt, sich um tausende Melodien zu bescheißen. Man ist als Leser wie als Lyriker besser dran, wenn man sich eine Virtuosität aneignet, die ermöglicht das Traurige wie auch das Aggressive, das Bellende wie auch das Zarte in sich finden zu können, im Umgang mit sich selbst, dieses Selbst, das ja das Instrument der Sprache ist. In uns wird die Sprache zu unserem Schlagwerk und unserem Englischhorn, zu unsrer Stimme und unserem Mellotron – entscheidend ist unser Spiel. Ob das in urbanen Häuserschluchten geschieht oder unter ländlichen Brücken, in Gefängnissen oder Palästen, ist für die Qualität des Spiels nicht wirklich bedeutend, wohl aber für den Kontext, ob er zu dem unseren passt oder nicht. Worauf man sich einläßt. Ich kann mich von einem Bigband-Sound cool durch eine Bar swingen lassen und tagsdrauf mit Peter Fox im CD Player unter den Linden mit meiner Karre gen Westen cruisen. Ich kann mit dem Saxophon-Sound eines Straßenmusikanten durch die U-Bahnröhren verhallen oder mit Randy Coleman an der Klampfe von der Bitterkeit des Verlassenseins schluchzen. Je mehr und differenzierter ich unterschiedlichste Musik höre, umso reicher ist mein Leben an fremder und eigener Poesie. So ist das auch mit der Lyrik."

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

D'accord. Und: Die Versuche, auf vermeintliche Klüfte hinzuweisen, sind ja immer auch Anstrengungen, auf die Konturenreichhaltigkeit der Dichtung hinzuweisen und dies einzusetzen, damit die extra-poesiale Außenwelt mal wieder auf das variant schimmernde Chamäleon Lyrik schielt. Im Grunde glaubt eigentlich niemand an die Labels, die er/ sie selbst generiert. So wie die Frankfurter Lyriktage, die zu "Naturlyrik" einladen, aber lässig auf Michael Donhauser, Sebastian Himstedt, Günter Kunert oder Sarah Kirsch verzichten, dafür aber mit Nora Bossong oder Lutz Seiler aufwarten. Guten Tag.