Montag, 29. Juni 2009

Gedicht des Tages - Andreas Neeser

Walle Sayer war es wieder einmal, der mit die Gedichte von Andreas Neeser ans Herz legte. Ich mailte den Kollegen aus dem Aargau an und einige Tage später sandte er mir eine ganze Reihe kurzer und längerer Texte. Kurz, knapp, pointiert etwa ist der Dreizeiler "Probzeit" ("Wie lange noch/ willst du mir unter die Haut gehen/ ohne Wurzeln zu schlagen?") aus dem Band "Die Sonne ist ein nasser Hund" (2006). Bemerkenswert lange ist die Veröffentlichungsliste des 1964 geborenen Autors, zahlreich seine Preise. Nähere Informationen auf seiner Homepage.
Ausgewählt habe ich einen Text, den ich deshalb spannend finde, weil er zwischen poetologischem Statement und Liebesgedicht oszilliert. Merci vielmals, lieber Andreas Neeser! Übrigens ist die erste Zeile der zweiten Strophe/ des zweiten Teils im Originaldruckbild eingerückt und beginnt nach dem letzten Wort des vorigen "Blocks" - das Gedicht erscheint nach zwei Dritteln quasi auseinandergebrochen. Leider sind auch die Zeilen des Textes für das Blog-Programm zu lang - die Zeilenumbrüche musste ich mit "/" markieren, die senkrechten Striche stehen im Originaltext. Wer diesen im Originaldruckbild lesen möchte, möge mir bitte eine kurze Mail schicken (maske@matthias-kehle.de).


Die Mitte der Wörter


Die Strömung wird stärker, die Sonne wirft Funken, der Glitzer, der Glimmer, wir/ sprühen und glühen wie früher │ flussabwärts │ verlieren wir hautnah die Füße │ im/ Spiel │ fehlt der Liebe der Boden, und alles geht │ wie von allein │ treibts uns weiter,/ wir treibens, hinein in die Strudel, die Wirbel, ein grundloser Rhythmus │ bis weit in den/ Unterlauf │ halten wir lose vertäut an den Blicken die │ Stellung │ für Stellung/ verschiebt sich die Mitte der Wörter, wir reden in Zungen und singen wie Geister │ im/ Wasser │ verläuft uns die Syntax der Körper, wir wären Gebärde und Geste │ ein/ lautstarkes Zeichen │//

zu lesen │ zu leben │ ist ein und dasselbe │ im Kern │ sind wir/ immer schon zwei, sag ich, Liebe geht anders, der Sinn, sagst du, schwimmt uns voraus/ auf die Sandbank, kein Wort ist │ die Liebe │ verfestigt sich │ nicht │ diese Liebe im/ Fluss │ ist ein trostloser Satz │ findet immer den Mund, und du schluckst erst an Land.

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