Mittwoch, 17. Juni 2009

Gedicht des Tages - Jan Wagner / Der Hausacher Leselenz

Morgen beginnt wieder der Hausacher Leselenz. Inzwischen findet er zum 12. Mal statt, organisiert und präsentiert mit einer unglaublichen Leidenschaft von José F. A. Oliver. Vergangenes Jahr hatte ich das Vergnügen, dort als Lesender zu Gast zu sein, und es ist schon fast anrührend, wie sich José um seine Gäste kümmert. Seine halbe oder ganze Familie assistiert ihm dabei, vom Fahrdienst bis zur Honorarabrechnung.
Vergessen werde ich auch nicht, dass er beim Länderspiel Spanien gegen ? mit den Spaniern fieberte - während dieser Zeit war die Literatur vergessen, und hinterher tanzte seine Mutter (Spanien hatte also gewonnen). Erstaunlich ist auch, wie sehr sich das ganze Dorf Hausach mit dem Festival und "seinem" Dichter identifiziert. Selbst die einfachen Menschen wie der Wirt in meinem Hotel sprechen immer wieder von "unserem" José. Das Phänomen beobachte ich auch immer wieder in Walle Sayers Heimat in Horb/ Freudenstadt. Tja, Dichter in sinem Schwarzwalddorf müßte man sein...
Schon fast legendär sind die samstäglichen Lesungen auf der Bachterasse des Hotels Löwen von 11 bis 17 Uhr. In diesem Jahr lesen dort Saskia Fischer, Norbert Hummelt, Klaus F. Schneider, Aleš Šteger, Tina Stroheker und Jan Wagner. Hoffentlich spielt das Wetter mit. Unten im Bach quaken die Enten, in der Ferne rauscht die Schwarzwaldbahn vorbei (die Strecke von Offenburg nach Konstanz gehört zu den schönsten, die ich kenne...) und auf der Terrasse lesen die Dichter, und die (im vergangenen Jahr) zahlreichen Besucher schlotzen ein Viertele. Ein herrlicher Leseort, eine Pflichtveranstaltung für alle Lyrik-Liebhaber in der Nähe.

Zu diesem Anlass hat mir Jan Wagner neue Gedichte gesandt, eines davon habe ich ausgewählt (danke!)


rute


ein ypsilon, von nichts als einer drossel
gehütet, im gewirr
von zweigen verborgen, rar
wie yeti oder yggdrasill;

famose zwiesel
und wegeweiser, vorbei
am weißen hasel-
strauch und der alten fleischerei,

hinter dem fußballfeld
über die brücke und den fluß,
aus dem die winzige gestalt
zurückstarrt, an den plötzlich verlas-

senen häusern
voll fremder namen und gesichter
vorbei, während ein wind die zäune
mit rost beschichtet,

das wetter
in schwarz umschlägt und das gelände
aus allen karten kippt. geh weiter.
vertrau dem zittern deiner hände.

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