Mittwoch, 3. Juni 2009

Gedicht des Tages - Jean Villart de Grécourt

Wenn man die "Badischen Neuesten Nachrichten" durchblättert oder das Lokalpolitikergeschwafel hört, könnte man meinen, Karlsruhe sei eine Sportstadt. Das ist sie beileibe nicht, denn außer einem mittelprächtigen Zweitliga-Fußballverein hat sie nichts zu bieten. Von Außen betrachtet ist Karlsruhe die Kulturstadt schlechthin. Fast alle Kulturinstitutionen spielen in der ersten Liga oder haben sogar europäischen Rang, und zwar in allen Sparten, von der Karlsruher Uni ganz zu schweigen. Ich denke dabei nicht an das Zentrum für Kunst- und Medientechnologie (ZKM), sondern an die Musikhochschule, die Kunstakademie, die Kunsthalle, die Landesbibliothek, einige der Theater oder die mitgliederstärkste Literarische Gesellschaft in Mitteleuropa. Daneben gibt es unzählige freie Künstler - in den letzten 20 Jahren habe ich dutzende Porträts geschrieben, wahrscheinlich waren es weit über hundert. Und so langsam komme ich dahin, wo ich eigentlich hin wollte, nämlich zu "Haralds Hörstunde". Einmal im Monat liest Harald Schwiers, Schauspieler, Journalist, Moderator, Auktionator und stadtbekannte "Marke" in einem kleinen Theater Texte zu bestimmten Themen, sei es zu Irland, zu Literatur und Alkohol etc. Morgen Abend rezitiert er "Scharfe Stellen (auf die es wahrlich ankommt)". Harald liest mal aktuelle, mal ältere Texte, mal von bekannten, mal von völlig unbekannten Autoren. Mit seiner "Hörstunde" ist Harald Schwiers also ein recht eigenwilliger, aber erfolgreicher Literaturvermittler.
Und weil ich alle Kollegen angesichts des nahenden Sommers auffordern will, mir erotische Gedichte bzw Lyrik zum Thema "Sex" zu mailen, zur Einstimmung zum ersten Mal in diesem Blog "ein altes Gedicht" von Jean Villart de Grécourt (1683 bis 1743):


Der Neger und die Bäuerin

Ein Neger, der das Land durchirrte,
Fand ganz allein auf einem Feld
Ein Mädchen, das noch, mit der Welt
Ganz unbekannt, die reinste Unschuld zierte.
Der Kerl war voller böser Tücke,
Ihn lüstete im Augenblicke
Nach ihr. Er sprach: der Fund ist gut,
Ich muß dafür dem Himmel danken
Und sehen, wie mit dieser Schlanken
Sich wohl die Liebe tut.
Schnell kam er auf sie zugesprungen.
Das arme Kind hielt für den Teufel ihn,
Glaubt sich schon halb verschlungen
Und wusste nicht vor Angst wohin.
Drauf steckte sie den Kopf tief ins Getreide,
Um diesen wenigstens ihm zu entziehn,
Die hintern Sachen ließ sie ihm zur Beute,
Womit er auch zufrieden schien.
Das Mädchen ist sehr schamhaft, dachte
Der Schelm, und unter mancherlei
Droh’n und Verwünschungen vollbrachte
Er seine Bosheit ohne Scheu.
„Nimm meinen Leib“, rief sie, „der deine Habsucht reizte,
Und sätt’ge dich daran, du Bösewicht!
Doch“, fuhr sie fort, indem sie sich bekreuzte,
„Die Seele, Satan, kriegst du nicht!“


"Haralds Hörstunde" - Marotte Figurentheater, morgen, Donnerstag, 4. Juni, 20.30 Uhr.

Link: Porträt Harald Schwiers

Kommentare:

Paul Laub hat gesagt…

Ein bewegendes Thema, und ein bewegendes Gedicht. Ich würde Ihrer Aufforderung gern folgen, indes... wie ist Ihre Adresse?

LitTalk hat gesagt…

Nun wahrlich: Da paart sich im wahrsten Sinne des Worts das Vorurteil mit dem Aberglauben. Durch die Reimform des Gedichts wirkt es noch einen Tick satirischer. Ein Gedicht wie ich es mag: Scharf und schneidend - so ist Lyrik u.a.

tjm - 4.06.2009