Dienstag, 2. Juni 2009

Nora Gomringer las in Karlsruhe

„Da werden Sie staunen, was ich mit der Sprache mache“, verkündete Nora Gomringer lauthals gleich mit dem ersten gesprochenen Text dem in der Tat staunenden Publikum. Die junge Frau, der jüngste Sproß von Eugen Gomringer, dem „Erfinder“ der Konkreten Poesie, leugnet in ihrer Arbeit das väterliche Erbe nicht, aber als Lyrikerin und als Literaturperformerin geht sie noch darüber hinaus, verbindet großen theatralischen Gestus mit der Dynamik der Slam Poetry, changiert zwischen schwindelerregender Wortakrobatik und kargen intimen Tönen, zwischen Unsinn und tieferer Bedeutung, zwischen laut und leise. Da gibt es unfassbar viele Tonfälle und Klangfarben und es gibt auch viel zu lachen, z.B. wenn sie auf englisch Verhaltensmaßregeln für ihren Leihhund, der angeblich nur englisch versteht, so lebendig in Frauchen-Manier vorträgt, dass man das solchermaßen belehrte unartige Hündchen schwanzwedelnd vor ihr sitzen sieht. Den Rausch der Gefühle einer liebenden Frau kontrastiert sie auch stimmlich mit der Maulfaulheit des etwas weniger begeisterten Mannes, eine heiße Liebesnacht schildert sie als anstrengende Leibesübung, bei der die Frau die Kommandos gibt. Aber solche fast schon kabarettistischen Nummern, die sie Sprechtexte nennt, stehen in einem wirkungsvollen Kontrast zu ihrer Lyrik, die sie sozusagen normal wie andere Schriftsteller eben auch ganz einfach vorliest. Und auch da kann man staunen über Zeilen wie „Über Nacht/Bist Du oxydiert/ Neben mir“, in denen das Scheitern einer Beziehung und auch die Trauer darüber zum äußerst verdichteten Ausdruck kommt. Man hätte der hochbegabten, vielstimmigen Schriftstellerin und Vortragskünstlerin etwas mehr Publikum gewünscht als sich an diesem Abend im Vortragssaal des ZKM eingefunden hat, dem Ausweichquartier für den Blauen Salon der Hochschule für Gestaltung, in dem die von Adam Seide-Archiv initiierte und von Stephan Krass moderierte Reihe mit Lesungen junger Autoren gewöhnlich stattfindet. Es hat sich wohl noch immer nicht recht rumgesprochen, dass man dort – bei freiem Eintritt – aufregend neue, unkonventionelle, erfrischend experimentierfreudige deutsche Literatur erleben kann.
Peter Kohl

(der Beitrag war am 28.5. in den Badischen Neuesten Nachrichten zu lesen. Danke an peko!)

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