Dienstag, 18. August 2009

Gedicht des Tages - Peter Ettl

Ich hatte eigentlich vor, kein Gedicht mehr von Peter Ettl zu bloggen. Zumindest vorläufig, schließlich publiziert er im Herbst meinen kleinen Gedichtband "Fundus" in seiner "Silver Horse Edition", aber erstens ist das eine prima Gelegenheit, wieder einmal auf das Bändchen hinzuweisen, zweitens ist das Gedicht "Ich Zikade" einfach gut. Peter Ettls Gedichte sind "verständlich", und kürzlich hat er mit Walter Helmut Fritz in der Lyrikzeitung (hier klicken) einen "Zeitagenten" gewürdigt, der in diesen Tagen achtzig Jahre alt wird - ein Beitrag meinerseits folgt im "Poetenladen". Bei dieser Gelegenheit will ich auf einen Aufsatz von Frank Milautzcki bei Fixpoetry hinweisen mit dem Titel "Grundlegendes zur Lyrik der Gegenwart". Der Beitrag ist bislang wenig beachtet worden, vielleicht liegt es an der etwas hoch gegriffenen, aber dennoch treffenden Überschrift - Milautzcki kennt sich aus in der Literaturgeschichte der Moderne, und zur Untermauerung seiner Thesen verweist er auf die Quantenphysik und die Musik. Gewagt? In der Tat! Liebe Kollegen, macht Euch die Mühe, diesen langen Aufsatz zu lesen. Bevor ich zwei zentrale Absätze zitiere, erst das Sommergedicht von Peter Ettl:


Ich Zikade

mein chorgesang mein chorgesang
manchmal gelingt mir stimmengleich
das klettern in die blauen
heckenrosen und manchmal
fallen mit dem zeitgestrichenen f auch
alle hoffnungen und höhen
taktmeister meer hat seine stimmungen
dann ist er unerträglich
ach dieses feine dünengras allein mit
wind und harfe und mit
den fühlern einer zweisamkeit
die kein gesang je tragen kann
mein chorgesang mein chorgesang
die zweite stimme klingt so schräg
und manchmal kommt mir der
gedanke solo auszusingen in die
sträucher in die felder und
tauchen in die wogen dieses
meeres und anzubieten den gesang
nur krabben quallen fischen
von einer fernen alten
zeit



Dass Milautzckis Thesen mit diesem Gedicht zu tun haben (oder umgekehrt) ist naheliegend. Er schreibt:
"...Die zunehmende Kryptisierung der Sprache und die Subjektivierung der Inhalte, die sich in allen Spielarten der Lyrik immer mehr durchsetzen, weil eine wahrnehmbare Turbulenz nur jenseits der Zitate zu erzeugen ist, führt auch zu einer geistigen Verinselung der Akteure, die aber innerhalb ihrer Riegen über die gute und weitläufige Vernetzung subkulturelle Sonderzonen etablieren können und – Gerhard Falkner hat das in seiner Huchelpreisrede bestens analysiert- ein System der Selbstreferentialität bilden. Die Gefahr sich dabei immer wieder nur miteinander zu beschäftigen, ist nicht von der Hand zu weisen. Lebhafter denn je das wirklich Eigene hineinzutragen in die Behauptung neuer Kanons, das wäre die Aufgabe, die zu leisten ist. Der Leipziger Poetologe Georg Maurer (1907-1971) hat es früh in einer einfachen Formel zusammengefaßt: Ichgewinn wird Weltgewinn nach sich ziehen.


Selbst die sich vollkommen dem Verstehen entziehen wollende experimentelle Literatur der Fläche und der Struktur ist letzten Endes eine auf einem abseitigen Weg erarbeitete Gebärde des Sprachvermögens der Welt und ermöglicht dem Laboranten genauso den entladenden Ausdruck seiner im Verdeckten die Impulse gebenden, rauschhaften Ergriffenheit, wie das empirische und das hermeneutische Gedicht dem Tiefenforscher. Wir haben Spielarten und Stile, die sich mittlerweile wild miteinander vermischen. Warum soll das Turning Point-Gedicht auf experimentelle Struktur verzichten und warum soll das strukturelle Gedicht tatsächlich sinnfrei sein? Man kann Struktur im Motto ansiedeln und Motto in der Struktur..."

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